Andacht zu Palmsonntag (Pfarrer Wolfgang Schlecht)

Palmsonntag ist der Tag, der uns an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert. Matthäus berichtet uns in seinem Evangelium davon (Matthäus 21,1-11). Jesus kommt in die Stadt und reitet auf einem Esel. Eine große Menschenmenge steht am Straßenrand und heißt Jesus freudig willkommen. Die Leute breiten ihre Kleider als Teppich auf der Straße aus, reißen Palmzweige von den Bäumen und legen sie auf den Weg. Rufe ertönen: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Jesus zieht also auf einem Esel in die Stadt ein. Und damit setzt er ein deutliches Zeichen. Der Esel ist ein Reittier der einfachen Leute. Der Esel ist ein Lasttier, belastbar, gewohnt, Lasten zu tragen. Der Esel taugt zum Arbeiten und nicht wie ein Schlachtross für den Krieg. Der Esel steht für Bescheidenheit, für das Unkriegerische, für den Frieden. Indem Jesus auf dem Esel in Jerusalem einzieht, gibt er sich als der zu erkennen, von dem schon der Prophet Sacharja im Alten Testament schreibt: „Fürchte dich nicht, Jerusalem. Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen (Sacharja 9,9). Jesus kommt nicht wie ein Kriegsherr, der die Menschen unterdrücken und ausbeuten möchte. Nein, mit dem Ritt auf dem Esel will Jesus den Leuten sagen: „Ja, Lasten werden wohl auch auf mich gelegt werden. Aber ich bereit, sie zu tragen. Bis zum Ende. Aus Liebe. Aus Liebe werde ich meinen Weg, Gottes Weg, der mir bestimmt ist, gehen. Konsequent.“

„Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ So hat die Menschenmenge damals gejubelt. So haben die Leute Jesus als ihren König, als den von Gott Gesandten, willkommen geheißen. Ob sie aber auch verstanden haben, was ihr König, was Jesus wirklich will? Dass er nicht als der mächtige Herrscher hoch zu Ross kommt, sondern als der, der bereit ist, mitzutragen, mitzuleiden?

An Palmsonntag möchte sich Jesus auch uns, die wir heutzutage leben, vorstellen. Er möchte uns zeigen, wer er ist: Ein einfacher, bescheidener und sanftmütiger König und Herr. Nur eines ist an ihm groß, mächtig und überwältigend: Seine unendliche Liebe. Das ist ein großes Geheimnis. An Palmsonntag reitet Jesus unter dem Jubel der Menge, die ihm mit Palmzweigen zuwinkt, in Jerusalem ein. Beim Auszug aus der Stadt wenige Tage später wird Jesus sein Kreuz auf dem zerschlagenen Rücken tragen. Und die Leute werden die Fäuste ballen und schreien: „Kreuzigt ihn!“

Von Palmsonntag über den Karfreitag bis hin zum Ostermorgen haben wir eine Woche Zeit, dieses Geheimnis unseres Herrn Jesus Christus, dieses Geheimnis unseres Gottes, zu betrachten: Seine Ohnmacht und seine Größe.

So viele Dinge in unserer Welt sind zum Fürchten, heute wie damals. Angesichts der Corona-Krise, angesichts von Krankheit und Leid, von Not und Tod. Wir wünschen uns einen, der stärker und mächtiger ist als all das, was uns Angst macht. Wir wünschen uns einen starken Gott.

Aber Gott ist anders. Daran erinnert uns die Karwoche. In seinem Sohn Jesus Christus leidet er mit uns. Er teilt unsere Schwäche, unsere Armut, unsere Not. Er wendet nicht alles mit einem machtvollen Handeln gleich zum Guten, sondern er erduldet und erträgt und hält das Kreuz aus, bis zuletzt. Und zeigt gerade so wahre Stärke, wahre Macht. Die Macht der Liebe. Und mit dem Glauben an diese Liebe Jesu, die durch Not und Tod mitgeht und hindurchgeht, gewinnen wir auch eine neue Sicht auf unser Leben.

Im Glauben reiten wir mit Jesus hinein in die Stadt Jerusalem. Wir sehen die vielen Menschen, wir hören ihr Rufen. Wir erkennen ihre Sehnsucht nach Heil und Frieden. Als die, die Gott vertrauen, können wir den Menschen an unserem Ort erzählen, wo unsere eigene Sehnsucht gestillt wurde und wo wir selbst Hilfe für unser Leben bekommen haben: Bei Jesus, der ganz nahe ist in der Not. Der mitfühlend ist, der unser Herz heil und des Friedens voll machen kann. Durch seine Liebe, die uns nie verlässt.

Am Ende dieser Woche, in der wir des Leidens Jesu in besonderer Weise gedenken, steht dann das Osterfest. Der Tag der Auferstehung Jesu. Der Tag, an dem Gott den auferweckt, den ins Recht setzt, der der wahre König ist, dem unser Lob gelten soll: Jesus Christus. „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Dieser König Jesus Christus ist einst in Jerusalem eingezogen. Dieser König Jesus Christus möchte auch bei uns ankommen, auch bei uns einziehen. Er möchte in unsere Herzen einziehen. Ankunft heißt auf Latein „Advent“. Und damit können wir sagen: Advent, Adventszeit, Zeit Jesu, bei uns anzukommen und bei uns einzuziehen, ist nicht nur vor Weihnachten, sondern auch an Palmsonntag. Ja, an jedem neuen Tag. Dass er zu uns kommt, als der gnädige und barmherzige Herr, darum dürfen wir ihn jeden Tag neu bitten.

 

Gebet

Herr Jesus Christus, auf einem Esel kommst du geritten.

Du Friedensbringer, Schmerzensmann,ein Liebender bis in den Tod.

Komm in unsere Welt zu all denen, die auf dich hoffen.

Komm zu allen, die nach dir fragen, zu dir beten, die dich suchen, dir vertrauen, deinen Trost ersehnen.

Komm in unsere Welt zu all denen, deren Leben zerbrochen ist in den Tagen dieser Krise.

Die nicht mehr weiterwissen.

Die helfen wollen und am Ende ihrer Kräfte sind.

Komm auch zu denen, die in den Sorgen dieser Tage fast in Vergessenheit geraten sind.

Die, die kein schützendes Obdach haben.

Die Flüchtlinge, die in den Lagern hausen müssen.

Die, die in den Kriegsgebieten zwischen Trümmern ausharren müssen.

Sei auch ihnen Trost, Hilfe und Beistand.

Komm, Herr Jesus Christus, du Friedensbringer,

Schmerzensmann, du Liebender bis in den Tod.

Dich preisen wir als unseren Herrn und Gott.

Amen