Predigt 09.12.2018

Predigt im Gottesdienst am 2. Advent, 9.12.18 in der Cyriakuskirche in Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Wir erinnern uns: Das ist der neue Wochenspruch, das Bibelwort, mit dem wir in die neue, vor uns liegende Woche hineingehen sollen.

Erhebet eure Häupter- so heißt es am 2. Advent. Und so kann man sagen: Der 2. Advent ist der „Kopf-hoch-Sonntag“. Der Kopf-hoch-Sonntag. Mit dem Advent, mit der Adventszeit wird so ganz offensichtlich eine bestimmte Haltung verbunden. Im Licht des kommenden Weihnachtsfestes wird deutlich: Es gibt keinen Grund, die Augen niederzuschlagen. Nein, wir müssen unseren Kopf nicht senken. Auch, wenn man uns einflüstern will, dass alles vergeblich sei: Kopf hoch!

Eine solche Ermutigung scheint dringend nötig. Zunächst wenn man an die Vorweihnachtszeit in einer Stadt denkt. Die Leute haben es eilig, sind bepackt mit Tüten und Taschen. Nicht wenige haben beim Gehen den Kopf gesenkt und schauen unentwegt auf ihr Handy. Man sieht viele ernste Gesichter, müde oder angespannt. Und die Nachrichten, die man Zuhause hört oder sieht, regen auch nicht dazu an, erhobenen Hauptes und entspannt der Zukunft entgegenzusehen.

Ähnlich war die Situation damals auch für das Volk Israel bei der Rückkehr aus der Gefangenschaft in Babylon. In der alten Heimat war alles schwieriger als gedacht, Hoffnungen mussten begraben werden. Niedergeschlagenheit und Ausweglosigkeit machten sich breit.

Aber gerade in dieser Situation erging damals durch den Propheten Jesaja die Aufforderung: „Kopf hoch. Schöpft Hoffnung. Seine großartige Vision, seine Verheißung hören wir jetzt, aus Jesaja 35, 1-8.

Liebe Gemeinde, ein „heiliger Weg“ wird hier beschrieben. Ein Weg, auf dem man gehen kann. Ein Weg, auf den man sich einlassen kann- in aller Hoffnungslosigkeit. Weil Gott kommt. Weil er zur Hilfe kommt.

Ich möchte versuchen, heute Morgen ein Stück weit diesen Weg zu beschreiben, ein Stück weit mit ihnen auf diesem Weg zu gehen. Ich glaube fest daran, dass es uns guttun wird. Gerade auch auf dem Weg in die kommende Woche hinein.

Also: Ein guter, ein heiliger Weg wird beim Propheten Jesaja beschrieben. Und den kann man nur erhobenen Hauptes gehen. Kopf hoch- eine Ermutigung zur Hoffnung und zum aufrechten Gang. Und diese Ermutigung ist im Glauben an Gott, auch in der christlichen Kirche immer und immer wieder neu aufgenommen worden. Immer wieder wollten engagierte Christen denen Halt und Hoffnung bringen, die sie verloren hatten, deren Hände müde waren und deren Knie wankten. Die nur die Wüste und Dürre in ihrem Leben kannten.

Am 1. Advent 1839 wurde die erste Kerze in einem Waisenhaus entzündet. Von der Decke herab hing ein großes, hölzernes Rad einer alten Kutsche. Auf dem Rad waren so viele Kerzen, wie es Tage bis zum Heiligen Abend waren. Kleine rote Kerzen für die Werktage, vier dicke weiße Kerzen für die Sonntage. Unter dem großen Rad versammelten sich die Kinder, die Johann Hinrich Wichern, ein junger Pfarrer, in das von ihm gegründeten Waisenhaus geholt hatte. Gemeinsam sahen sie mit erhobenem Haupt zu den Lichtern hinauf.

Johann Hinrich Wichern hatte sich anrühren lassen vom Schicksal der elternlosen Kinder, die kein Zuhause hatten. Und nachdem er die wunderbare Idee mit dem großen Rad und den Lichtern darauf hatte, schrieb er in sein Tagebuch: „Auf dem großen Leuchter des Betsaals mehr sich täglich die Zahl der Lichter, bis am Schluss des Advents die ganze Lichterkrone strahlt und immer heller widerstrahlt in den Herzen der Kinder.“

Später wurde der Holzkranz mit Tannenzweigen geschmückt. Mit dem Grün, der Farbe der Hoffnung. Und daraus ist unser Adventskranz geworden, mit nur noch vier Kerzen- aber immerhin. Auch in unserer Kirche.

Nicht mehr gewohnt sind wir, dass er an der Decke hängt. Aber trotzdem gilt noch: Erhebt eure Häupter- Kopf hoch.

Lasst euch einladen, mit auf dem Heiligen Weg zu gehen, auf dem Weg der Hoffnung.

Und im Licht der Adventskerzen hören wir dann die Botschaft des Propheten Jesaja. Diese Botschaft, die uns aufrütteln, die uns herausführen möchte aus den kleinformatigen Vorstellungen, die uns so oft besetzen.  Dass es immer diese Sachzwänge gibt, gegen die man nichts tun kann. Dass alles bleiben muss, wie es ist. Nein, unser Horizont soll sich weiten. Und dann beschreibt Jesaja, was sich auf dem heiligen Weg, auf dem Weg der Hoffnung, ereignen kann. Weil Gott kommt, um uns zu helfen.

Die Augen der Blinden- vielleicht auch unsere Augen- werden plötzlich aufgetan, damit wir das Leben wahrnehmen.  Die Ohren der Tauben- womöglich auch unsere verstopften Ohren- werden aufgetan, dass wir die hilfreichen, trostreichen Worte Gottes hören. In den Wüsten des Lebens werden womöglich kleine Oasen sichtbar. Orte, an denen wieder etwas aufblühen und wachsen kann.

Und hier hat auch das Wort von der Rache seinen Platz. Das Bibelwort, das uns womöglich aufgeschreckt hat, als den Predigttext gehört haben. „Gott kommt zur Rache. Gott ist es, der da vergilt.“ Nein, nicht dort kann etwas aufblühen und wachsen, wo wir stets mit Hass und Gewalt antworten, sondern da, wo wir es letztlich Gott überlassen, Recht wieder herzustellen, gerecht zu richten.

Liebe Gemeinde, die biblische Verheißung begnügt sich nicht mit halben Sachen. Diese elementaren Bilder von Quellen und Brunnen, die da im Buch des Propheten Jesaja beschrieben werden, wecken unsere Sehnsüchte. Sie sagen uns: „Das, was ist, kann doch nicht alles sein.“ Und ich glaube, dass Menschen, die sich in der Adventszeit auf den heiligen, lichterfüllten, hoffnungsvollen Weg machen, sich letztendlich nicht mehr nur an das Vorfindliche ketten, sondern mit dem Möglichen rechnen. Mit dem, was Gott verheißt. Mit dem, was Gott für möglich hält. Mit dem, was es gilt, hier und heute zu tun und in Angriff zu nehmen.

Wenn ich mich frage: Wo kann uns heute im Advent dieser heilige Weg hinführen, dann fällt mir eine Legende ein:

„Es waren einmal zwei Mönche, die lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem Himmel und Erde sich berührten und das Reich Gottes beginne. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.

Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren und Entbehrungen. Eine Tür sei dort, so hatten sie gelesen. Man brauche nur anzuklopfen und befinde sich dann im Reich Gottes.

Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür und bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich weit öffnete. Und als die beiden Mönche eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle und sahen sich an. Da begriffen sie: Der Ort, an dem das Reich Gottes beginnt, befindet sich auf der Erde, an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat.“

Da, wo wir sind, wo wir leben, miteinander leben- da beginnt das Reich Gottes. Da sind die Menschen, die uns brauchen. Die Müden, die Lahmen, die Menschen auf den Irrwegen und Sackgassen des Lebens. Da, wo wir wohnen, geht es um Offenheit für die Verheißungen Gottes. Es geht darum, aufnahmebereit, geistesgegenwärtig zu sein, für das, was Gott von uns haben will, was jetzt notwendig ist zu tun. Erhobenen Hauptes, hoffnungsvoll, in der Erwartung, dass sich etwas ändern kann und will. Zum Guten hin.

Ja, es ist gut, dass Gott uns auf einen hoffnungsvollen Weg stellt. Einen Weg, auf dem wir in die kommende Zeit hinein gehen können- mit erhobenem Haupt. Dieser heilige, hoffnungsvolle Weg führt uns dann Richtung Weihnachten. Er führt uns hin zu dem, der von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der Weg.“ Er führt uns hin zu Jesus Christus, der sich in einzigartiger Weise den Müden und Verzagten zugewandt hat. Zu denen, die den Weg noch nicht entdeckt haben. Das ist die frohe und aufrichtende Botschaft für alle, die die Gewissheit des Glaubens verloren haben. Gott selbst kommt um aufzurichten. Um recht zu richten. Um zurechtzurichten auch unser Leben und das unserer Mitmenschen.

Das ist die Verheißung dieses Sonntages. Dieses „Kopf-hoch-Sonntages“. Probieren wir es einfach aus: Kopf hoch, Augen auf. Wir werden viel Gutes sehen, über Belangloses hinwegsehen können. Und dabei vielleicht auch Gott entdecken. Amen.