Predigt 01.07.2018

Predigt im Gottesdienst am Sonntag, 8.7.18 in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

Predigttext: Apostelgeschichte 8,26-36.38-39

 

Liebe Gemeinde, diese Geschichte passt in die beginnende Urlaubszeit. Sie erinnert uns womöglich an junge Leute am Straßenrand, die den Autofahrern mit der bekannten Handbewegung fragen, ob sie mitfahren dürfen. Aber was meinen Sie? Kommt es heutzutage im Auto auf der Autobahn auch zu Gesprächen, die in die Tiefe gehen wie in unserem Bibelabschnitt, den wir gehört haben? Zu Gesprächen, die nicht vergessen werden? Bei 140 Kilometern in der Stunde muss sich der Fahrer ganz auf den Straßenverkehr konzentrieren, und hat keine Zeit, sich über den Sinn des Lebens mit einem Mitfahrenden auszutauschen.

Unser Predigttext für heute erzählt allerdings aus einer anderen Zeit. Der Reisewagen des Afrikaners, der da im Süden Israels unterwegs war, wurde wahrscheinlich von einem Pferd gezogen. Und dieser Afrikaner, ein Mann aus Äthiopien, war Kämmerer. Er war der Finanzminister seiner Königin, der Kandake. Das ist so etwas wie ein Titel, wie eine Ehrenbezeichnung.

Der Mann reist bequem. Und er kann lesen. Dieser Minister aus einem damals kaum bekannten Land ist hochgebildet. Er spricht und liest griechisch, die damalige Weltsprache.

Dieser afrikanische Minister hat eine Israelreise unternommen. Sein Ziel war Jerusalem gewesen. Allerdings war der Geldverwalter der Königin nicht auf Dienstreise. Nein, er reiste ganz privat. Als Mensch, der Gott suchte. Man muss sich das vorstellen: Da unternimmt ein Mann eine lange und beschwerliche Reise an einen Ort, an dem er meint, Gott am nächsten sein zu können. Um dort anzubeten. Ich denke, da muss vorher schon sehr viel passiert sein im Leben dieses Mannes, dass es so weit kommt. Dass er aufbricht und hofft, in Jerusalem das zu finden, was er sucht.

Was dort in Jerusalem passiert ist, wird nicht berichtet. Aber nach all dem, was wir aus dieser Zeit wissen, muss es für den Minister eine riesige Enttäuschung gewesen sein. Er dürfte keine Chance gehabt haben, in den Tempel, in das Gotteshaus, zu gelangen und an den Gottesdiensten teilzunehmen. Als Nichtjude hätte er die Möglichkeit gehabt, wenigstens in den so genannten Vorhof der Heiden zu gelangen. Aber zudem hatte er noch einen anderen Makel. Überall da, wo in unserem Predigttext das Wort „Kämmerer“ steht, steht im griechischen Urtext „Eunouchos“. Der Kämmerer hatte zwar Macht, Einfluss und Reichtum. Aber musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Einen solchen Posten am Hofe der Königin konnte nur ein Eunuch, ein Entmannter, bekleiden. Und solche Leute durften in Jerusalem nicht mal in den Vorhof des Tempels.

Er ist nicht willkommen im Gotteshaus. Er darf nur Zuschauer bleiben. Dieser Glaube, dieser Gott, zu dem es ihn hinzieht, der ist wohl doch nur etwas für die anderen. Und jede und jeder von uns mag für sich die Sache weiterspinnen. Wie das wohl bei uns heute ist. Wo jemand Sehnsucht hat, dazuzugehören, aber feststellen muss, dass Gott, dass Jesus Christus wohl nur etwas für die anderen ist. Für die, die dazugehören dürfen. Die nicht aus dem Rahmen fallen.

Wenigstens kauft sich der Finanzminister vor seiner Abreise aus Jerusalem noch eine Schriftrolle. Schriftrollen waren von Hand geschrieben, und natürlich teuer. Aber der Kämmerer war immer noch bereit, viel zu investieren, um Gott näherzukommen.

Auf seiner Heimfahrt liest er laut, was in der Schriftrolle aufgezeichnet ist. Kurze Zwischenbemerkung: Ich bin darauf gestoßen, dass nach jüdischer Auffassung das laute Lesen der Heiligen Schriften eine Hilfe gegen das Vergessen ist. Worte, die zugleich gelesen und gesprochen werden, prägen sich tiefer ein. Noch besser aber ist es, die Schrift nicht alleine zu lesen, sondern mit anderen zusammen und sich mit ihnen über das Gelesene auszutauschen. Und dazu hat der Mann aus Äthiopien gleich Gelegenheit. Denn da springt einer auf seinen Wagen und fragt: „Verstehst du denn, was du da liest?“

Dieser eine ist Philippus. Und Philippus ist eine wichtige Person in den ersten christlichen Gemeinden. Mitten in den aufblühenden christlichen Gemeinden hat er alle Hände voll zu tun.

Aber da heißt es auf einmal: „Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh hin.“ Darf man aus einer so fruchtbaren und gesegneten Arbeit, die Philippus in den Gemeinden tut, einfach aussteigen? Wir hören nur eines: „Philippus stand auf und ging.“ Richtung Süden, auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Das Gebiet um Gaza- damals eine wüste Gegend. Heute allemal: Vom „Gazastreifen“ und den schrecklichen Gewalttaten dort erfahren wir immer wieder aus den Nachrichten. Philippus traf damals dort nur einen einzigen Menschen: Den Äthiopier auf seinem Wagen. Hätte Philippus sich allein von seiner Logik leiten lassen, hätte er nie nach Gaza gehen dürfen. In diese- so wie wir oft fataler Weise sagen- gottverlassene Gegend.

Und auch hier wiederum eine spannende Frage für uns zum Weiterdenken: Wo stehen wir in der Gefahr, nur nach den großen Zahlen zu schielen? Lassen wir uns rufen, lassen wir uns schicken auch dorthin, wo es wüst und leer ist? Weil Gott womöglich an einem einzelnen, aus einem anderen Erdteil, so viel gelegen ist?

Der Minister aus Afrika saß damals auf seinem Wagen und las verständnislos in der Schriftrolle. Er wusste mit den Worten der Heiligen Schrift nichts anzufangen. Und machen wir uns nichts vor: Heutzutage ist es in vielen Fällen nicht anders. Die Unkenntnis der Bibel ist erschreckend hoch. Die Hilflosigkeit der Bibel gegenüber ist heute bei vielen kaum geringer als die Hilflosigkeit jenes Ministers damals gegenüber dem Jesajatext.

Der Kämmerer ist ein vielbeschäftigter Mann. Und doch nimmt er sich Zeit, um in der Schrift zu lesen. Um nach Gott zu fragen. Und Philippus: Das ist einer, der diese Fragen hört. Einer, der bereit ist zum Zuhören. Einer, der unaufdringlich da ist- nah ist. Bereit, Rede und Antwort zu stehen. Was für ein Glücksfall, dass er sich so gut in der Bibel auskennt und die Bibelstelle aus Jesaja 53 einordnen und auch deuten kann. Die Geschichte von dem Lamm, das getötet wurde. Von dem einen, der erniedrigt wurde, der willig gelitten hat.

Ich kann mir vorstellen, dass dem Finanzminister das Herz aufgegangen ist, als ihm Philippus von dem einen erzählte, dessen Ohnmacht und Erniedrigung eben nicht zum Untergang führte. Sondern dass dieser eine- Jesus Christus- von Gott erhöht, von Gott ins Recht gesetzt worden ist. Und so mag der Kämmerer gehofft haben, dass er selbst, der trotz seiner hohen Stellung am Hofe der Königin verachtet und ausgeschlossen war, von Gott auch angenommen wird. Vielleicht hat der Kämmerer so gesagt: „Dieser Gott, dieser Jesus, der sortiert mich nicht aus. Ganz im Gegenteil: Der will, dass ich ganz dazugehöre, ganz zu ihm gehöre. Er will nicht ohne mich und ich will nicht ohne ihn sein. Hier, bei diesem Gott, da bin ich richtig.“

Durch das Gespräch mit Philippus über der Heiligen Schrift begegnet der Mann aus Afrika Jesus Christus selbst. Und zwar so, dass irgendetwas bei ihm im Innern in Bewegung gerät. So dass es dazu kommt, dass der Kämmerer Gott in Jesus Christus erkennt. Und es zu der Frage kommt: „Was hindert´s, dass ich mich taufen lasse?“

Da muss Philippus zugeben, dass es wirklich keinen Grund gibt, der dagegenspricht. Philippus jedenfalls fragt nicht den Glauben dieses Menschen ab, der Christ werden möchte, sondern gibt ihm mit der Taufe die erste Hilfe, die der Äthiopier braucht, um in seiner Heimat als Christ zu leben. Die Taufe ist das, woran sich der Afrikaner zu Hause halten kann. Was seinen Glauben angeht, wird er bestimmt noch dazulernen. Philippus hat seine Aufgabe an diesem einen Menschen zu seiner Zeit und an seinem Ort erfüllt, so dass der Kämmerer nun fröhlich seine Straße ziehen kann.

Für uns jedoch bleiben sicher noch ein paar Fragen übrig, ein paar Fragen offen. Vor allem Fragen an Philippus. Und die möchte ich kurz noch anreißen. Als Anregung, weiter über diesen Bibelabschnitt, der uns heute für die Predigt vorgegeben war, nachzudenken.

Fragen an Philippus: Bist du dir denn so sicher, das Richtige getan zu haben? Überhaupt: Was wird, wenn du, Philippus, wieder nach Hause kommst, deine Gemeinde sagen, dass du den merkwürdigen Fremden aus Afrika so einfach getauft hast? Es wird in der Geschichte erzählt, dass es keine Hinderungsgründe gab, den Mann zu taufen. Uns würden viele einfallen: So schnell? Ohne Vorbehalte? Ohne Bekenntnis des Täuflings? Wie soll denn der sein neues Christentum zu Hause aktiv leben können? Was macht denn der aus seiner Taufe in seiner Umgebung und seiner Kultur? In seinem weiteren Leben?

Interessante Fragen, die auch uns anregen könnten, über die Taufe, über die Taufpraxis in unseren Gemeinden nachzudenken.

Soviel jetzt zum Schluss: Unser Predigttext sagt am Ende über den Kämmerer folgendes: „Er zog seine Straße fröhlich.“ Ja, womöglich ist das entscheidend: Ob wir das Evangelium anderen nahebringen, das wird sich nicht zuletzt darin zeigen, ob es die Leute fröhlich macht. Fröhlich in dem Sinne, dass sie mit frohem Herzen, froh-gemut ihre Lebensreise fortsetzen können. Und entscheidend wird auch sein, ob auch wir, die wir natürlich Verantwortung für unsere Mitmenschen tragen, sie ein Stück freigeben können. So wie Philippus, der plötzlich verschwunden ist und sicher darauf vertraut hat, dass Gott das Werk vollenden wird, das in der Taufe gerade erst mal angefangen hat. Amen.