Predigt 29.11.2020

Predigt im Gottesdienst am 1. Advent, 29.11.2020

in der Cyriakuskirche

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ So, liebe Gemeinde, heißt es in dem altbekannten Lied zum Advent. Dieses Jahr haben wir durch das Corona-bedingte Lüften ja schon einige Erfahrungen darin gemacht, Türen und Tore zu öffnen. Andererseits gilt auch, dass viele Türen leider geschlossen bleiben, weil Veranstaltungen ausfallen und Läden und Gaststätten nicht geöffnet bleiben dürfen.

Womöglich kann es uns auch dieses Jahr im übertragenen Sinn schwerfallen, unser Herz, unsere Herzenstür für die hoffnungsvolle Botschaft des Advents zu öffnen. Zu viele deprimierende Nachrichten erreichen uns die Tage. Wie soll es denn bei all den Schwierigkeiten am Ende noch so richtig Advent, geschweige denn Weihnachten werden?

Inmitten all diesen Überlegungen erreicht uns das Bibelwort für den heutigen Sonntag, den 1. Advent. Es sind Worte aus dem Alten Testament, aus dem 9. Kapitel im Buch des Propheten Sacharja. (Lesung Predigttext Sacharja 9,9-10)

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ Vor meinen Augen sehe ich den Einzug Jesu in Jerusalem. Palmzweige liegen auf dem Boden, Hosianna-Rufe erschallen, die Leute jubeln Jesus zu. Durch die Worte des Propheten Sacharja aus dem Alten Testament verstehen wir erst recht, welche Botschaft in dem Geschehen aus dem Neuen Testament liegt: Jesus zieht in Jerusalem ein mit den Symbolen eines Friedenskönigs. Ganz anders als andere Herrscher, die damals hoch zu Ross kamen. Oder als manche Herrscher heutzutage, die ihre Macht inszenieren und deren Auftreten eher martialisch als friedlich ist.

In dem Einzug Jesu erkenne ich einen Gegenentwurf zu den Bildern, zu dem Gehabe, zu der Wirklichkeit, die uns heute umgibt. Es muss wohl nicht alles so sein, wie es ist. Es kann auch ganz anders sein, sagt uns die Bibel. Und allein schon der Gedanke an die Möglichkeit einer anderen Sichtweise, einer anderen Wirklichkeit kann womöglich unsere Sicht auf die Welt verändern.

Dabei, und das ist ganz wichtig, dabei darf diese Sicht auf die Dinge dieser Welt, dass sich etwas ändern kann, nicht blauäugig sein. Als Christen, als christliche Gemeinde, dürfen wir nicht blauäugig sein. Oder alles durch eine rosarote Brille betrachten. Das tut die Bibel auch nicht. Nein, die Bibel ist vielmehr ein Zeugnis davon, wie menschliche Erwartungen erfüllt, aber auch enttäuscht oder zu einem guten Teil anders als gedacht erfüllt werden.

Die Menschen, die einst die Worte des Propheten Sacharja in seiner Zeit hörten, erlebten nicht mehr, dass ein Friedenskönig in Jerusalem einzieht. Aber sie erlebten den langersehnten Wiederaufbau des zerstörten Tempels. Oder: Die Menschen, die Jesus beim Einzug in Jerusalem zujubelten, erlebten danach keine friedlichen Zeiten. Und doch erfuhren sie durch Jesus, dass der Tod kein Ende sein muss, sondern ein Anfang sein kann. Und dass sich seine Botschaft nicht durch Gewalt unterdrücken ließ.

Die Erfahrungen all dieser Menschen, von denen uns die Bibel erzählt, zeigen, dass Gottes Geschichte mit uns immer wieder andere Bahnen nimmt, als wir erwarten oder gar errechnen. Und- das ist für mich etwas ganz Entscheidendes- dass wir mit Gott immer wieder in der Lage sind und sein werden, einer Situation etwas Gutes abzugewinnen.

Wir sind jetzt am Anfang der Adventszeit, in der Vorbereitung auf Weihnachten. Und es ist in diesem Jahr ganz anders als sonst. Keine Vorbereitungen auf das Weihnachtssingspiel, kein Weihnachtsmarkt, keine Adventsfeiern. Doch zugleich ist es so, auch in unserer Kirchengemeinde, dass sich viele kreative Gedanken machen, was an Alternativen möglich ist. Welche Ideen umgesetzt werden können, um in dieser Adventszeit etwas zu ermöglichen. Ich denke, es ist eine Frage der Perspektive, ob wir uns darauf konzentrieren, was alles nicht möglich ist, oder darauf, was möglich sein kann. Ohne gleich in einen unguten Aktionismus zu verfallen. Oft neigen wir ja dazu, das Schlechte aufmerksamer wahrzunehmen als das Gute. Vermehrt auf die schlechten Nachrichten zu hören. Wenn wir aber lernen, gute Nachrichten bewusster aufzunehmen, dann kann sich unsere Perspektive verändern. Und mit dieser Offenheit für gute Nachrichten können wir jetzt auch auf den Advent und auf Weihnachten schauen.

Ich höre ganz neu, was der Prophet Sacharja uns ankündigt: „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Zunächst: Wir sind mit dieser Botschaft nicht unmittelbar angesprochen. Und ursprünglich gar nicht gemeint. Sondern die Tochter Zion und die Tochter Jerusalem- Bilder für Israel und Juda, für die Menschen in der Stadt Jerusalem. Aber dann ist bei Sacharja auch die Rede davon, dass der König, der auf einem Esel einmal daherkommen wird, Frieden bringen wird bis an das Ende der Erde.

Und daran glauben wir als Christen: Dass Jesus der verheißene König ist, dass er für alle Menschen Heil und Frieden bringt. Gerade auch uns. Und darum dürfen wir als Christen heute auch bekennen: „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Mein König kommt zu mir. Jesus kommt zu mir. Zu uns. Anders als erwartet. Nicht als der Herrscher mit dem Kriegsbogen, sondern gewaltlos, auf einem Esel. Und doch mächtig, Heil und Frieden zu bringen.

Und dass dieser König Jesus Christus zu mir kommt, zu uns kommt, das hängt nicht davon ab, wie wir dieses Jahr Weihnachten feiern. Es hängt nicht von unserer Stimmung ab oder von den Umständen, in denen wir dieses Jahr feiern. Das Versprechen bleibt: „Jesus kommt zu uns!“ Die Geschichte Jesu begann damals unter merkwürdigen Umständen in einem Viehstall. Mit einer Teilnehmerliste von allerlei Leuten, deren Einträge jedem Gesundheitsamt heute Kopfzerbrechen bereiten würde.

Ganz egal, wie unsere Advents- und Weihnachtsgottesdienste am Ende aussehen: Jesus kommt. Und auch wenn wir die Türen unserer Kirchen nicht hochmachen oder weit aufreißen dürften: Jesus wird einen Weg zu uns finden. Er findet die Tür zu unseren Herzen und wird sie öffnen, auch wenn wir es nicht schaffen, sie zu öffnen. Halten wir also die Augen und die Ohren offen. Vielleicht entdecken wir Jesus, wenn wir eine Kerze am Adventskranz entzünden. Oder in einer Begegnung, mit der wir nicht gerechnet haben. Oder wenn es uns doch möglich ist, zu Weihnachten alle miteinander einzustimmen in das Lied „O du Fröhliche“. Vielleicht auch nur mit Abstand.

Heute dürfen wir nicht alle singen. Nur einige wenige- aber wir dürfen alle den Liedtext mitlesen, der auf die Worte des Propheten Sacharja Bezug nimmt: „Tochter Zion, freue dich“. Amen.