Predigt vom 16.06.2019

Predigt im Gottesdienst am Sonntag Trinitatis, 16.6.19, in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

Liebe Gemeinde, gesalzene Predigten hat Paulus den Korinthern gehalten- und lange dazu. Viele Seiten umfassen seine Briefe, die er an die von ihm gegründete Gemeinde in Griechenland geschickt hat. Und diese langen Briefe wurden dann in den Gottesdiensten als Predigten verlesen. Wie gesagt: Gesalzene Predigten.

„Bei euch, da herrschen doch nur Neid, Zank und Aufruhr.“ So schreibt er einmal. Und schließlich droht er sogar: „Für alle wiederhole ich: Wenn ich das nächste Mal komme, werde ich niemand schonen.“

Bei Paulus geht es also hart zur Sache. Er ist nicht zimperlich. Welcher Prediger könnte aber heute noch so reden? Und wer ließe sich heute ein solche Rede noch gefallen?

Die Korinther haben erstaunlicherweise die scharf gewürzten Briefe nicht einfach in den Papierkorb geworfen, sondern aufbewahrt. Um sie im Gottesdienst wieder und wieder zu hören und sie- trotz ihrer Schärfe, ja, vielleicht gerade deshalb, zu Herzen zu nehmen. Sie haben die Briefe abgeschrieben und weitergegeben- und heute können wir sie in unseren Bibeln nachlesen.

Der letzte Abschnitt aus dem zweiten Korintherbrief ist uns heute am Dreieinigkeitsfest als Predigttext vorgegeben. Es ist ein Schlusswort des Apostels Paulus. Ein, wie ich finde, erstaunliches Schlusswort angesichts der streitbaren Sätze, die er zuvor geschrieben hat. Dieses Schlusswort aus 2. Korinther 13, 11-13 lautet:

„Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ Amen.

Nach einer gesalzenen Predigt an die Korinther findet Paulus versöhnliche Worte am Schluss. Einige geschwisterliche Ratschläge für die, die Paulus vorher getadelt, ja heftig gescholten hat. Ratschläge, die die Christen in Korinth im Umgang miteinander beachten sollen. Damit das Miteinander gelingt.

„Lasst euch zurechtbringen. Helft euch doch gegenseitig. Überlegt, was jede und jeder für den Frieden tun kann. Christus, der Auferstandene, ist bei euch. Ganz gewiss.“

Versöhnliche Worte am Schluss eines zum Teil mit großer Schärfe geschriebenen Briefes. Und wenn wir nun Paulus fragen könnten: „Paulus, warum tust du denn das? Warum kündigst du die Gemeinschaft mit den streitsüchtigen Korinthern nicht einfach auf?“ Dann würde Paulus sicher antworten: „Weil wir doch alle zusammengehören. Durch Gott zusammengehören. Durch den Gott, der mit dieser Welt und mit uns Menschen zu tun haben will. Um jeden Preis, unter allen Umständen, trotz aller Schuld und Unzulänglichkeit auf unserer Seite.“

Und dann beschreibt der Apostel auf großartige Weise diesen Gott, der mit uns zu tun haben möchte. Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Diesen einen Gott, der uns auf dreifache Weise begegnet.

Paulus schreibt von der Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Liebe Gemeinde, was Gnade ist, das sehen wir an Jesus Christus, Gottes Sohn. Er blieb bei Bartimäus stehen, dem blinden Bettler. Oder bei Zachäus, dem Zöllner, der von allen verachtet wurde. Jesus blieb stehen und hielt sich auf mit solchen Menschen- und Jesus hält sich auf mit uns. Egal, wer wir sind und was wir falsch gemacht haben. Unverdient, ohne zu rechnen oder aufzurechnen. Mitten in einer Welt, wo es oft so gnadenlos zugeht. Auch unter Christenmenschen.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Und dann erinnert uns Paulus an die Liebe Gottes. An die Liebe, die uns immer und überall begleitet, die alle Furcht aus unseren Herzen treiben will.

Ein frommer Mann hatte auf sein Haus eine Wetterfahne setzen lassen mit der Inschrift „Gott ist die Liebe“. Natürlich fragten ihn die Leute: „Warum hast du das so gemacht?“ Der Mann antwortete: „Die Wetterfahne soll mich daran erinnern, dass Gott die Liebe ist, von welcher Seite auch der Wind wehen mag.“  Man kann über solche Worte lachen und die Liebe Gottes in Zweifel ziehen. Man kann sich aber in solchen Worten auch ganz geborgen fühlen, auch in dunklen Stunden.

Die Liebe Gottes. Und schließlich erinnert Paulus an die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Ja, viele Geister sind hier auf unserer Welt lebendig. Oft unheilvolle Geister. Sie treiben auseinander und machen uns unfähig, aufeinander zu hören, wieder aufeinander zuzugehen.

Paulus erinnert an Gottes guten, heiligen Geist, um den wir bitten können, der uns erfüllen will. So, dass wir nicht dem Ungeist verfallen, der da sagt: „Ich kann alles, ich weiß alles, ich brauche niemanden.“ Sondern dass wir im Geiste Gottes sagen: „Wir sind eine Gemeinschaft, und da braucht jeder jeden. Wir brauchen einander, so unterschiedlich wir sind. Und wir können einander gelten lassen, weil wir Schwestern und Brüder sind, Kinder Gottes.“

Im letzten Satz seiner Predigten wünscht Paulus den Korinthern, dass Gott mit ihnen sei. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Versöhnliche Worte am Ende eines scharfen Briefes an die Gemeinde. Und es liegt auf der Hand, Paulus wiederum zu fragen: „Paulus, ist das denn gut so? Machst du nicht genau das, was den Christen immer wieder vorgeworfen wird? Dass sie ständig den christlichen Mantel der Liebe und des Friedens über alle Probleme decken? Sagst du mit deinem versöhnlichen Schlusswort nicht den Korinthern: Alles halb so schlimm?“

Nein, würde Paulus uns auf seine solche Frage antworten. „Nein, von meiner Kritik nehme ich ja nichts zurück. Kritik, das musss sein. Missstände müssen angesprochen, Probleme müssen diskutiert werden. Sie müssen benannt, nicht zugedeckt werden. Aber- und das ist das Entscheidende! Vorwürfe und Kritik dürfen nicht das Letzte sein. Das Letzte muss immer wieder die Erinnerung an Gott sein. Die Erinnerung an den Gott, der größer und beständiger ist als alle Widrigkeiten, in denen wir stehen.“

Und darum betont Paulus auch etwas, was uns etwas eigenartig anmutet. Er schreibt: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.“

Ja, die Christen in der Urkirche, in den ersten christlichen Gemeinden, sie drückten ihre Gemeinschaft untereinander durch einen Kuss aus. Die Liturgie der orthodoxen Kirche zum Beispiel hat diese urchristliche Geste beibehalten.

Liebe Gemeinde, für uns ist das etwas ganz Ungewohntes. Und wir haben sicher auch unsere Vorbehalte. Gerade in jüngster Zeit, in der wir eine sehr achtsame Kirche geworden sind. In der wir aufmerksam hinschauen, wo was geschieht, welche Verhaltensweisen erlaubt sind, wo wir Grenzverletzungen und Übergriffe vermeiden wollen und so unsere Kirche ein sicherer und vertrauensvoller Ort für jedermann sein kann.

In unserer Kirche, da wird niemand gezwungen, sich küssen zu lassen. Aber vielleicht gehen ja auch andere Gesten, mit denen wir zeigen: Wir gehören zusammen. Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden bilden wir am Ende eines jeden Unterrichts einen Kreis, fassen uns an den Händen und singen dann gemeinsam: „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen.“ Sicher ist es auch da manchmal schwierig- je nach dem, wer gerade neben einem steht, den anderen, die andere bei der Hand zu fassen. Und doch, es ist eine gute Übung, die Gemeinschaft fördern kann. Zeigen kann: Wir gehören alle zusammen, so unterschiedlich wir auch sind.

Auch wenn wir Abendmahl feiern hier in unserer Kirche, fassen wir uns abschließend an den Händen und lassen uns ein Bibelwort zusprechen. Zum Zeichen dafür, dass der dreieinige Gott ganz unterschiedliche Menschen in seiner Gemeinde zusammenführt. Und das kann uns stärken auszuhalten, dass wir auch in einer christlichen Gemeinde und in einer Kirche in manchem verschiedener Meinung sind. Es kann uns aber auch stärken durchzuhalten, dass wir einem Herrn gehören. Wir leben davon, dass wir diesem einen Herrn gehören, der uns nicht loslassen möchte. Sondern immer wieder neu uns und die Gemeinschaft mit ihm sucht. Amen.