Predigt 10.02.2019

Predigt im Gottesdienst am 10.2.19 in der Cyriakuskirche Illingen

Predigttext: Markus 4,35-41

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

Liebe Gemeinde, die Geschichte von der Sturmstillung ist eine Geschichte aus alter Zeit. Eine Wundergeschichte, die uns auf den ersten Blick heute fremd vorkommt, gleichzeitig aber irgendwie faszinierend ist. Wir sagen vielleicht: Das kann doch gar nicht so gewesen sein. Und gleichzeitig spüren wir im Herzen, dass diese Geschichte eine tiefe Wahrheit hat.

Ja, sie hat eine tiefe Wahrheit. Sie ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft und für die Aktualität der biblischen Geschichten. Es ist eine Geschichte von Jesu Jüngern, die in Gefahr geraten, die alles Vertrauen verlieren, die in Panik geraten, weil ihnen alle Sicherheiten wegschwimmen. Es ist eine Geschichte über die Stürme des Lebens und die Frage, worauf wir eigentlich in diesen Stürmen des Lebens unser Vertrauen setzen.

Wer die biblischen Geschichten, zumal die so genannten Wundergeschichten, nur unter dem Gesichtspunkt betrachten möchte, ob alles, was geschildert wird, auch naturwissenschaftlich nachprüfbar und beweisbar ist, der mag dies tun. Allerdings versäumt derjenige oder diejenige dann, zu erkennen, dass die biblischen Geschichten allesamt Geschichten über uns und unser Leben sind. Über unsere Ängste, über unsere Sehnsüchte, über unser Gefährdetsein und über unser Bewahrtwerden. Und die heutige Geschichte von der Sturmstillung, wie sie in der Lutherbibel überschrieben ist, ist ganz gewiss so eine.

Ich kann mir die Szene dort am Ufer des Sees Genezareth sehr gut vorstellen. Es ist Abend, Jesus hat den ganzen Tag über zu den Leuten gesprochen. Nun sind alle müde, Jesus natürlich auch. Er will sich mit seinen Freunden, den Jüngern, zurückziehen. Auf der anderen Seite des Sees, dort, wo Ruhe ist. Und Jesus ruft seinen Jüngern zu: „Lasst uns hinüberfahren.“

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es kein Zufall, dass Jesus seine Jünger immer wieder zu sich in ein Schiff ruft. Dass er immer wieder im Aufbruch begriffen ist, auf Reisen, unterwegs. Und dies oft auf schwankendem Grund- eben in einem Boot. Eines ist auf alle Fälle klar: Um das Jahr 70 nach Christus, als der Evangelist Markus diese Geschichte von der Sturmstillung aufgeschrieben hat, da ist das Schiff schon ganz selbstverständlich ein Bild für die christliche Gemeinde, für die frühe christliche Kirche. Die christliche Kirche, die damals schon in ihren Anfängen kräftige Stürme hat überstehen müssen und von allen Seiten bedroht war.

Aber schauen wir zunächst noch einmal auf den Beginn der biblischen Geschichte für heute. Auf den Befehl Jesu „Lasst uns hinüberfahren“ machen die Jünger, alles geübte Fischer vom See Genezareth, das Boot fertig. Dann legen sie ab. Friedlich zieht sich die Fahrt dahin, friedlich schläft auch Jesus hinten im Boot auf einem Kissen. Seine Jünger halten Wache und steuern das Schiff.

Alles plätschert so dahin, an diesem Abend, am Beginn der Nacht. So wie das Leben eben oft dahinplätschert. Und das kennen auch wir. Die Tage füllen sich immer mit den gleichen Gewohnheiten, alles hat sich eingespielt, alles wird routiniert gemeistert. Bis dann ein Unwetter aufzieht- aus heiterem Himmel.

Es ist wohl noch heute so, dass im Norden Israels gefürchtete Fallwinde daherkommen und durch das Jordantal peitschen, ganz plötzlich und unvorhergesehen. Und sie wühlen dann den sonst eher angenehmen und stillen See mit großer Gewalt auf. Und wie aus heiterem Himmel zieht das Unwetter auf.

Manchmal kann es auch passieren, dass ein

Menschenleben innerhalb weniger Sekunden total verändert wird. Auf einmal ziehen dunkle Wolken auf. Auf einmal droht man den Halt zu verlieren. Auf einmal steht einem das Wasser bis zum Hals. Es war doch bisher immer alles so friedlich. Doch nun wird auf einmal alles durcheinandergewirbelt. Nichts ist mehr normal- und dabei ging doch immer alles gut.

Ich denke, wir alle kennen solche Situationen. Aus dem eigenen Leben, oder aus dem Leben von Angehörigen. Vielleicht auch aus dem Leben von Kirchengemeinden. Diese sind, zumal in Württemberg, auf den ersten Blick noch einigermaßen stabil und gut erkennbar. Kirche wird noch gesehen und wahrgenommen. Aber wie lange noch? Wird das Schiff mit den Christen an Bord den richtigen Kurs halten können? Oder droht es zu zerbrechen in den Stürmen, die die Zeiten mit sich bringen?

Angst macht sich vielerorts breit. Womöglich auch Panik. So wie bei den Jüngern damals, die mit Jesus im Boot waren und die auf dem See Genezareth in einen großen Windwirbel gerieten. Wie verrückt rudern sie, schöpfen Wasser aus dem Boot und manövrieren hin und her. Und Jesus? Es heißt in unserem Predigttext: Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Er schlief einfach- und das konnten die Jünger kaum aushalten.

So wie wir es wohl kaum auszuhalten vermögen. Das ist doch unmöglich: Die Wellen schlagen ins Schiff- und Jesus schläft. Alles wird pitschnass- aber das stört ihn gar nicht. Er merkt nichts, und anscheinend will er auch gar nichts merken. So könnte die Geschichte auch weitergehen, wenn sich die Jünger nicht dann doch aufraffen und anfangen würden, Jesus wachzurütteln und zu rufen: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Ja, das ist schon eine erstaunliche Angelegenheit, ein eindrückliches Bild. Der schlafende Jesus mitten im Chaos. Mitten im Chaos der Welt und einem Schifflein, einer Kirche, die hin und her geworfen wird und unterzugehen droht.

Aber jetzt, liebe Gemeinde, sind wir wohl genau an dem Punkt angelangt, auf den es in dieser biblischen Geschichte ankommt. Das ist der Schlüssel zum Verstehen: Gott ist ein Gott, der darauf wartet, dass wir hingehen und ihn rufen. Jesus Christus ist einer, der darauf wartet, dass wir ihn aufwecken und rufen: „Du, Jesus, sieh doch, wie es um uns steht. Du, Jesus, tu doch endlich etwas.“ Sonst- ja sonst macht Jesus nichts, sonst schläft er weiter. Und die Dinge nehmen eben ihren Lauf.

Ja, das müssen wir wohl heute begreifen lernen: Gott ist einer, der darauf wartet, dass er gerufen wird. Sein Sohn Jesus ist einer, der nun einmal nichts tun will, es sei denn, dass er gerufen wird. Einer hat es mal so ausgedrückt: „Ohne unser Rufen, ohne das Gebet schläft Gott weiter bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und wir sind dazu da, ihn zu wecken. Das will er von uns haben, und dann ist er auch da, dann kommt er auch.“

Und vielleicht, liebe Gemeinde, ist das heute unsere Not. Dass überall, egal ob in unserem Leben oder auch in der Kirche, viel organisiert und geplant und gemacht wird, und dass wir darüber das Rufen, das nach Gott rufen, vergessen. Weil wir wohl glauben, wir könnten alles selbst machen. Oder weil wir- was sehr fahrlässig wäre- noch gar nicht wirklich entdeckt haben, dass das Boot, unser Boot, schon voll Wasser ist.

Jesus will von uns angerufen, er will von uns gerufen werden. Das lehrt uns die Geschichte aus dem Neuen Testament, unser heutiger Predigttext. Aber dann ist noch wichtig zu betonen, dass Jesus, auch wenn wir ihn rufen, nie eine letzte Sicherheit gegen alle Stürme im Leben gibt. Jesus preist uns keine Superversicherung gegen alle Unwegbarkeiten im Leben an. Was er uns aber anbieten kann und will ist dies: Dass wir im Vertrauen auf ihn unseren Weg gehen. Dass wir im Vertrauen auf ihn in sein Boot steigen und bereit werden, mit ihm unseren Weg zu wagen. Auch durch schwieriges Fahrwasser. Selbst wenn das Wasser uns manchmal bis zum Hals steht.

Dieses Vertrauen ist es, was den Jüngern damals so schwer gefallen ist- und uns heute genauso schwerfällt. „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Diese Frage drängt sich immer wieder bei uns auf, wenn wir mitten im Sturm sind, wenn wir uns an Gott wenden und wenn das Unheil sich trotzdem nicht abwenden lassen will.

Aber wie gesagt: Der Glaube ist keine Versicherung gegen alle Unglücksfälle. Er ist keine Eintrittskarte in ein Leben ohne Stürme. Wer das verspricht, der verkündigt nicht Glaube, sondern Aberglaube. Nein, der Glaube an Jesus Christus- und das ist viel mehr- der Glaube an Jesus Christus hilft, aus einem tiefen Vertrauen zu leben. Dieser Glaube kann uns auch in schweren Zeiten ruhig werden und vielleicht sogar diese Stille im Sturm erfahren lassen, die die Jünger mit Jesus im Boot erfahren. Dieser Glaube lässt uns in aller Bedrängnis und Verlorenheit tief drinnen spüren, dass alles gut werden wird.

Liebe Gemeinde, Markus erzählt in seinem Evangelium, dass die Jünger damals untereinander sprachen: „Wer ist der? Wer ist dieser Jesus?“ Sie kamen zu der Erkenntnis: „Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“ Meer und Sturm, das waren zur damaligen Zeit Urgewalten, sogar dämonischen Ursprungs, wie die Menschen glaubten. Chaosmächte, die alles in den Abgrund reißen wollten. Und jetzt war da einer, der vor dem Abgrund bewahren konnte und wollte- Jesus.

Später, in der Mitte des Markusevangeliums, taucht wieder eine Frage auf. Jesus stellt sie selbst: „Was glaubt ihr, wer ich bin?“ Der Jünger Petrus antwortet: „Du bist Christus. Der Sohn des lebendigen Gottes.“

Und ganz am Ende des Markusevangeliums werden die Jünger zu der Erkenntnis geführt, dass Jesus der Auferstandene ist. Der, der auch die Macht des Todes besiegt hat.

So werden die Leserinnen und Leser des Markusevangeliums, so werden wir schrittweise immer tiefer zu der Erkenntnis geführt, wer dieser Jesus ist. Wir werden zu der Erkenntnis geführt, dass durch ihn alle Machtverhältnisse geklärt sind. Dass er letztlich stärker ist als alle Mächte, die mein Leben bedrohen. Ja, dass er auch stärker ist als der Tod. Und so können wir in das Bekenntnis und in die Gewissheit des Apostels Paulus mit einstimmen. So, wie wir es vorhin schon in der Schriftlesung aus dem Römerbrief gehört haben:

„Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8,38f). Amen.