Predigt vom 19.01.2020

Predigt im Gottesdienst am 19.1.20 in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

Liebe Gemeinde, für jeden Sonntag im Jahr ist ja ein Predigttext vorgegeben. Und das ist gut so. In die Predigtreihe, die seit 1. Advent vergangenen Jahres gilt, ist nun ein Bibelabschnitt aufgenommen worden, der noch nie als Predigttext an der Reihe war. Ein Abschnitt aus dem Alten Testament, aus dem Buch des Propheten Jeremia. Aufgeschrieben von Jeremia etwa 600 Jahre vor Christus, ist dieses Bibelwort heute, also im Jahr 2020 nach Christus, von einer geradezu frappierenden Aktualität. Jeremia klagt über eine große Dürre, die damals über das Land hereingebrochen ist. Er klagt über Wasserknappheit. Er spricht darüber, was wohl die Ursachen sind, und was man dagegen tun kann.

Hören wir aus Jeremia 14 die Verse 1-9.

Liebe Gemeinde, während uns vieles, was hier von Jeremia angesprochen wird, vertraut vorkommt, würden wir doch manche Ansichten, die er hat, sicher heute so nicht mehr äußern.

Zuerst einmal: Ich denke, die allermeisten unter uns würden heute nicht mehr ernsthaft behaupten, dass die gegenwärtigen Dürreperioden, die auch uns in Deutschland erreicht haben, eine Strafe Gottes für begangene Verfehlungen sind. Und weiter denke ich, dass die allermeisten von uns so nicht mehr von Gott reden, wie Jeremia es tut. Dass sie Gott anklagen, ihn wie Jeremia als einen hilflosen Helden bezeichnen, der nichts tun kann.

Jedoch: Es lohnt sich wirklich, jetzt bei Jeremia noch einmal genauer nachzufragen und nachzuhaken.

Wie gesagt: Jeremia sieht die schreckliche Dürre, die damals das Land Israel fest im Griff hatte, als Strafe Gottes. „Wir haben gegen dich gesündigt, Gott, unser Ungehorsam ist groß“, so klagt Jeremia. Und die Strafe ist nicht ausgeblieben. Alle leiden darunter, dass die Erde rissig ist und es nicht regnet.

Frage: Sind wir womöglich doch nicht so weit entfernt von der Argumentation des Jeremia? Wir wissen ja auch etwas vom Zusammenhang zwischen dem Wandel des Klimas, der ökologischen Krise einerseits und der menschlichen Schuld andererseits. Nach wie vor ordnen die Regierungen vieler Länder den Klimaschutz ihren wirtschaftlichen Interessen unter. Und nur langsam- wohl auch unter dem Druck derer, die warnend ihre Stimme erheben- setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir alle unsere Verhaltensweisen ändern müssen, um unsere Welt nicht zu zerstören.

Ja, Dürreperioden, Hitzerekorde auch in Deutschland, sie haben durchaus etwas zu tun mit menschlicher Schuld. Da können wir Jeremia rechtgeben. Und auch bei dem: Dass alles, was auf dieser Welt geschieht, was uns widerfährt, immer auch etwas mit Gott zu tun hat. Das Klima, die Natur, all das ist für Jeremia nicht einfach etwas, das nichts mit Gott zu tun hat. Nein, all dies ist für Jeremia Teil seines Glaubens. Und ihm macht es zu schaffen, dass diese Welt, seine nächste Umwelt, Menschen und Tiere, dass Gottes Schöpfung unter der lastenden Dürre stöhnt und leidet.

Er stellt sich die Frage: Was ist, wenn Gott seine Treue zu seiner Welt, zu seiner Schöpfung einstellt?

Jeremia ist verzweifelt. Darum wendet er sich hilfesuchend an seinen Gott. Aber wie spricht dieser Jeremia von Gott? Wie spricht er mit Gott? Sehr emotional.  Er provoziert Gott geradezu und ruft ihm entgegen: „Warum bist du denn wie ein Held, der doch niemanden helfen kann? Geschweige denn uns, deinem Volk? Warum verhältst du dich wie ein Fremder? So, als ob du uns nicht kennen würdest? Wie ein Wanderer, der nur auf der Durchreise ist? Der nur über Nacht bleibt und dann sofort weiterzieht?

Ja, Jeremia packt Gott bei seiner Ehre. Er soll sich als der erweisen, an den das Volk Israel immer geglaubt hat. Als Herr seines Volkes, als Helfer in der Not, als starker Retter- und nicht wie ein unfähiger Held. Als einer, der nur vorübergehend, wie ein Wanderer in der Nacht, zu Besuch weilt.

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle können wir alle uns einmal überlegen und uns fragen: Wie erleben wir denn Gott? Haben wir ihn womöglich auch schon so erlebt, dass er uns wie ein Fremder vorkommt? Als einer, den das, was uns umtreibt, etwa gar nichts angeht? Wie einen Wanderer, der gleich wieder weiterzieht und nur kurz über Nacht bei uns Station macht?

Diese Aussage, dieses Bild, das der Prophet Jeremia hier gebraucht, gefällt mir. Ja, es erinnert mich an eine Geschichte aus dem Neuen Testament. Und vielleicht kennen sie diese Geschichte auch. Da sind zwei Freunde von Jesus. Sie haben miterlebt, wie Jesus einen schrecklichen Tod am Kreuz gestorben ist. Nun sind sie von Jerusalem auf dem Weg nach dem Ort Emmaus. Sie fühlen in sich vielleicht auch Dürre. Jesus ist tot, alle Hoffnungen sind mit ihm begraben. Die Enttäuschung sitzt tief. Wie soll es weitergehen? Wo war eigentlich Gott und wo ist er jetzt?

Da gesellt sich plötzlich ein Wanderer zu den beiden traurigen Männern auf dem Weg. Es ist Jesus, der Auferstandene, aber sie erkennen ihn nicht. Als sie in Emmaus ankommen, da bitten die beiden den Auferstandenen, den sie immer noch nicht erkannt haben: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Und Jesus geht mit ihnen hinein in die Herberge. Als sie dann zu Tisch sitzen, bricht Jesus das Brot. So wie vor ein paar Tagen, als Jesus zum letzten Mal bei ihnen war. Und da gehen den Freunden plötzlich die Augen auf. Es ist Jesus, der mit ihnen gewandert ist. Sie wollen ihn festhalten- aber im selben Moment entzieht er sich ihnen. Er ist nicht mehr zu sehen (Lukas 24,13-35).

Gott- ein Wanderer? Jesus Christus ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt und sich dann auch wieder entziehen kann? Liebe Gemeinde, ich glaube, hier können wir etwas ganz Wichtiges entdecken. Gott ist und bleibt unverfügbar. Wir können ihn nicht festhalten. Das gehört zu den Erfahrungen unseres Menschseins. Wir können ihn nicht festlegen, Gottes Handeln lässt sich nicht ausrechnen. Wir erleben intensive Momente mit ihm, dann aber auch Phasen, in denen wir uns von ihm verlassen fühlen, ja richtige Wüstenzeiten. Aber immerhin, und das ist ganz wichtig und ganz tröstlich: Auch wenn ich ihn nicht festhalten kann- er ist da. Gerade auch in der Nacht. Da, wo ich am verzagen bin, wo ich mich verlassen und einsam fühle.

Und dann, liebe Gemeinde, dann frage ich nicht mehr wie Jeremia: „Warum bist du, Gott, denn wie ein Wanderer, der immer wieder geht?“ Nein, dann sage ich: „Danke Gott, dass du jetzt da bist, gerade in der Nacht. Auch wenn du morgen wieder weitergehst.“

 

Wie kann uns diese Einsicht weiterhelfen? Nun, ich habe meine Predigt damit angefangen, dass wir uns die große Dürre vor Augen gestellt haben, die in Israel geherrscht hat und über die der Prophet Jeremia geklagt hat. Und wir haben dann erkannt, dass uns dieses Thema ganz unmittelbar angeht. 2600 Jahre nach Jeremia. In einer Zeit, in der Brunnen versiegen. Es in vielen Gegenden nicht mehr regnet und alles verdorrt. Dass sich das Klima wandelt, daran sind sicher auch wir Menschen mit schuld.

Jetzt heißt es: Wir müssen ganz viel tun, um diese Welt zu retten. Da ist sicher etwas dran, dass wir viel tun müssen. Aber oft habe ich den Eindruck, dass wir gar nicht mehr an Gott denken. Dass wir glauben, Gott habe sich irgendwann einmal zur Ruhe gesetzt- er sei, um es mit den Worten des Jeremia zu sagen, ein „Held, der doch nicht helfen kann“.

Nein, Gott ist bei all dem, was um uns und mit uns und mit dieser Welt- seiner Welt- geschieht, dabei. Nicht, dass wir sein Handeln ausrechnen, ihn gar festhalten können- aber als Wanderer. Als einer, der gerade in der Nacht- jetzt, wo wir Hilfe, wo wir Rat brauchen- da ist und uns helfen will.

Ich habe vorhin von dem Erlebnis der beiden Freunde erzählt, die nach Emmaus gewandert sind und dort auf den Wanderer Jesus, den Auferstandenen, getroffen sind. Jesus blieb bei ihnen, bis er sich ihnen dann wieder entzog.

Und die beiden Freunde haben damals zueinander gesagt: „Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete?“

Liebe Gemeinde, ich wünsche es uns sehr, dass unsere Herzen immer wieder zu brennen anfangen. Dass wir Feuer und Flamme sind für Jesus Christus- der immer wieder mit uns auf dem Weg ist. Und dass wir durch ihn Kraft und Mut gewinnen. Weisheit, Phantasie- um alles zu tun, was in unserer Macht steht, um diese Welt- Gottes wunderbare Schöpfung- zu schützen und zu erhalten. Mit Gottes Hilfe. Amen.