Predigt 14.04.2019

Predigt im Gottesdienst an Palmsonntag, 14.04.2019

in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

Liebe Gemeinde, heute an Palmsonntag ist auch bei uns der Jubel laut geworden. Jesus zieht unter den Hosianna-Rufen der Menschenmenge in Jerusalem ein. Und auch in dem Lied des Gospelchores Mühlacker, der heute unter uns ist, ist der Lobpreis angeklungen: Praise ye the Lord- Preiset den Herrn.

Dieser Geschichte, an die wir uns an Palmsonntag erinnern, dieser Geschichte ist nun in diesem Jahr ein Predigttext zugeordnet, der im Alten Testament steht. Den wir erst in seiner Eigenart verstehen und dann schauen müssen, was er mit Palmsonntag, was er mit Jesus zu tun haben könnte. Was er mit uns zu tun haben könnte.

Wir hören gleich von einem Menschen, der im Buch des Propheten Jesaja zu Wort kommt. Wir kennen seinen Namen nicht, aber das, was er erlebt und erlitten hat. Er selbst spricht zu uns. Hören wir auf einige seiner Worte, aus Jesaja 50, in den Versen 4-9. Ich lese nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“.

„Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich die Müden zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr. Und dann höre ich zu. Ich habe mich nicht gesträubt und bin meiner Aufgabe nicht ausgewichen. Meinen Rücken habe ich hingehalten, als man mich schlug. Und doch werde ich mich ihnen nicht beugen, denn Gott, der Herr, verteidigt mich. Er tritt für mich ein.“

Liebe Gemeinde, hier spricht einer, der Schlimmes erlebt hat. Er hat Feinde. Sie haben ihm aufgelauert und ihn geschlagen. Sie wollten ihn zum Schweigen bringen. Warum? Wir wissen es nicht. Vielleicht hängt es mit seinem Auftrag zusammen. Gott hat ihn berufen, die Müden zu trösten. So sagt er. Die Müden- das waren damals, etwa 550 vor Christus, die Israeliten.

Sie hatten den Krieg gegen das mächtige babylonische Reich verloren, und die Folgen waren katastrophal. Der Großteil der Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. Und dort, fern der Heimat, schwand die Hoffnung, jemals wieder nach Hause zurückzukehren.

Zu ihnen schickt Gott diesen uns unbekannten Mann, von dem wir vorhin gehört haben. Er soll den Israeliten ausrichten: „Gott hat euch nicht vergessen. Er wird euch helfen. Er wird euch in die Freiheit, er wird euchheimführen.“

Der Mann aber wird ausgelacht- von den eigenen Leuten. „So ein Spinner. Das glaubst du doch selbst nicht.“ Er wird sogar geschlagen. Vielleicht stecken die dahinter, die in Babylon zu den Machthabern gehören und ihn am Reden hindern wollen. So wie auch heute noch die unter Druck gesetzt oder weggesperrt werden, deren Reden für die Regierenden gefährlich werden.

Dieser uns unbekannte Mann nimmt die Demütigungen hin. Er ist gewiss: „Gott steht auf meiner Seite. Mit seiner Hilfe halte ich das alles aus.“

An diese eindrückliche Gestalt aus dem Alten Testament haben sich 600 Jahre später Christen erinnert und festgestellt: Was hier erzählt wird, das hat Jesus von Nazareth auch so gelebt und auch so erfahren. Auch er hat zu den Müden und Verzagten seiner Zeit geredet. Hat ihnen Worte gesagt, die sie ermutigt haben. Worte wie: „Selig sind die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Auch Jesus hat erlebt, dass Menschen sich seiner Botschaft verschlossen haben. Sie haben ihn geschlagen und schließlich getötet. Daran denken wir Christen in der vor uns liegenden Karwoche. Der heutige Palmsonntag erinnert daran, wie das alles begann. Wie Jesus in Jerusalem einzog. Gefeiert vom Volk, begrüßt als derjenige, der Befreiung und Heil bringt. Mit den Jubelrufen war es aber bald vorbei. Wenige Tage später war Jesus tot. So schnell ging das- weil Jesus die Erwartungen der Leute nicht erfüllt hat. Jesus kam auf einem Esel geritten anstatt auf einem Schlachtross. Er war ein ganz anderer König. Keiner, der die verhassten Römer mit Gewalt aus dem Land treiben wollte, sondern die Gewaltlosigkeit predigte und die gegen ihn gerichtete Gewalt widerstandslos erlitten hat. Er ließ das zu, er floh nicht. Sein Gottvertrauen hat ihn durch die letzten schweren Tage seines Lebens getragen- auch wenn er dann mit Gott gehadert hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Zweifel und manchmal auch die Verzweiflung gehören wohl zum Leben- auch zum Leben Jesu.

Vor einem irdischen Gerichtshof hat Jesus nicht recht bekommen. Von Menschen wurden ihm auch die letzte Ehre und die letzte Würde genommen. Gott hat ihm allerdings seine Ehre zurückgegeben. Daran konnte nicht einmal der Tod etwas ändern. Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Und Jesus ist der Mann, der mit uns geht, Tag für Tag. Und so wie Jesus damals den Leuten liebevoll begegnet ist, so begegnet er auch uns heute. Zu den Müden sagt er: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Und denen, die entwürdigend behandelt werden, verhilft er zu neuer Selbstachtung und Ansehen. Er sagt: „Du bist wer. Du genießt Ansehen und Hochachtung. Bei mir. Und beim Vater im Himmel. Für immer und ewig.“

Von dieser Hoffnung, liebe Gemeinde, hat auch der Dichter Jochen Klepper gelebt. Sein Morgenlied haben wir zu Beginn unseres Gottesdienstes gesungen: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.“ Jochen Klepper hat in seinem Lied Worte und Gedanken des uns unbekannten Mannes aus dem Buch des Propheten Jesaja aufgenommen.

Nicht von dem, was wir an einem Tag alles tun müssen, singt dieses Morgenlied, sondern von dem, was Gott alles für uns tut: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.“ Ja, mehr noch: „Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.“ Am Morgen stehen eben nicht nur die Sorgen und Zweifel mit auf. Vielmehr ist es Gott selbst, der für mich da ist und mich in seiner Treue auch durch diesen Tag begleitet und mir die Kraft gibt, die ich brauche.

Und ich denke, liebe Gemeinde, dass es für viele von uns zu einer guten Gewohnheit geworden ist, morgens im Losungsbüchlein das Bibelwort für den entsprechenden Tag zu lesen und damit zu erfahren: Der neue Tag ist Gottes Geschenk an mich. Seine guten Worte geben mir Kraft. Kraft für den neuen Tag, diesen zu bestehen. Kraft auch, so wie es der Mann aus dem Alten Testament, so wie es Jesus getan hat, sich den Müden und Verzagten zuzuwenden. Denen, die heutzutage vom Leben enttäuscht sind. Die kaum noch Erwartungen haben. Die das Leid, das sie erleben, an Gott zweifeln lässt. Ihnen gilt es zuzuhören. Und ihnen gilt es dann das zu sagen, was sie gerade selbst nicht glauben können. Dass sie in Gottes Augen mehr sind als das, was andere über sie sagen. Und dass Jesus an ihrer Seite steht.

Ja, gibt es für die Müden und Verzagten, ja, gibt es für uns alle etwas Tröstlicheres als zu hören, dass Jesus für uns da ist? Dass am Ende nicht die Sorgen und die Ängste das letzte Worte haben werden, sondern Jesus Christus, der an unserer Seite steht? Amen.