Predigt 10.06.2018

Predigt im Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation am 10.6.18 um 10 Uhr in der Cyriakuskirche

Predigt: Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

Vor 50 Jahren sah vieles noch anders aus. In dieser großen, weiten Welt, die man gar nicht so bereisen konnte wie heute. Von der man gar nicht so viel erfahren hat wie heute in den Zeiten des Internets. Höchstens, wenn wirklich Weltbewegendes geschehen ist. Wie zum Beispiel kaum 14 Tage nach ihrer Konfirmation, liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden, die Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King in Memphis/ Tennessee am 4. April 1968.

Hier in Illingen ging es, Gott sei Dank, beschaulicher zu. Der Ort war noch viel kleiner. Die Schule, der Unterricht, ganz anders als heute. Vorne der Lehrer, dann sie Schüler, eine Bank hinter der anderen.

Damals gab es noch in jedem Ort eine Schule, auch wenn der Ort noch so klein war. Üblich war es dann, dass Schülerinnen und Schüler mehrerer Klassen in einem Raum unterrichtet worden sind. Da saßen die Kinder der ersten und zweiten Klasse nebeneinander. Und der Zweitklässler war eifrig bemüht, dem Erstklässler die ersten Buchstaben beizubringen.

Nun, man kann eine solche Methode gut finden. Man kann aber auch skeptisch nachfragen: Ja, dann kommen die Großen ja gar nicht mehr im Stoff weiter. Sie wiederholen ja nur, was sie in der ersten Klasse eh schon durchgenommen haben. Allerdings gibt die Forschung dieser Unterrichtsmethode recht. Gerade die Älteren haben großen Gewinn vom gemeinsamen Unterricht. Was sie im Jahr zuvor gelernt haben, wenden sie nun selber an. Und dabei entdecken und füllen sie eigene Lücken, vertiefen im Erklären ihr Wissen. Und das motiviert zu neuem Lernen.

Kann das, so frage ich mich, nicht auch ein Modell für uns, für das Leben als christliche Gemeinde, werden? Schauen wir einmal nach, was wir von der Gemeinde in Korinth lernen können, an die der Apostel Paulus einst einen Brief geschrieben hat. Ich lese aus 1. Korinther 14 die Verse 1-3:

„Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott, und niemand versteht ihn. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“

Liebe Gemeinde, das Problem in der christlichen Gemeinde in Korinth ist nicht, dass keiner redet, keiner von seinem Glauben redet. Nein, Paulus steht vor einem ganz anderen Problem. Viele reden in der Gemeinde, auch im Gottesdienst. Aber sie reden in Zungen.

Zungenrede gab es nicht nur in den ersten christlichen Gemeinden, sondern auch in anderen Religionen. Und in bestimmten christlichen Kirchen- wir nennen sie charismatisch- ist das heute noch anzutreffen. Männer und Frauen reden wie in Ekstase. Sie sind so überwältigt von Gottes Geist, dass sie überschäumen vor Begeisterung und  gar nicht mehr in ganzen Worten und Sätzen reden.

Paulus verurteilt dieses Zungenreden nicht. Er meint sogar, dass Gott so große Dinge tut, dass es einem buchstäblich die Sprache verschlagen und einer beim Gotteslob ganz in Verzückung geraten kann. Allerdings sagt der Apostel auch klipp und klar: Das Zungenreden hat einen Haken. Es mag zwar zur Erbauung des einzelnen dienen, aber die anderen können die Rede nicht verstehen und nicht daran anknüpfen. Die schönen Worte gehen spurlos an ihnen vorüber. Oder sie verwirren. Wahrscheinlich waren die Hörer auch genervt: „Können die nicht so reden, dass ich verstehe, was sie meinen? Ich bin ja interessiert, ich will ja von ihren Erfahrungen lernen. Aber es ärgert mich, dass sie keine Rücksicht auf mich nehmen.“ Und vermutlich waren die Leute dann zum letzten Mal im Gottesdienst in Korinth.

Zu Recht, denn denen, die in Zungen reden, scheint es mehr um sich selbst als um die Hörer ihrer Rede zu gehen. Es braucht jedoch eine Rede, die die Gemeinde aufbaut. Gemeinde wächst im gegenseitigen Verstehen, sie lebt von Dialog und Austausch, nicht von der Selbstdarstellung. Sie braucht die verständliche Rede, die prophetische Rede, wie Paulus es nennt.

Damit wir hier Paulus recht verstehen: Ein Prophet hat es vorwiegend überhaupt nicht mit der Zukunft zu tun. Ein Prophet ist vielmehr einer, der erkennt, was in seiner Zeit wirklich geschieht. Ein Prophet durchschaut, was andere nicht durchschauen. Ein Prophet sagt, was gerade jetzt im Namen Gottes zu tun und zu sagen ist. Das können tröstliche Worte sein, aber auch ganz scharfe Töne.

Paulus geht nun ganz selbstverständlich davon aus, dass Christen etwas zu sagen haben. Daran zweifelt Paulus nicht. Er geht davon aus, dass Christen etwas zu erzählen haben. Und dass dies wertvoll und für andere hilfreich sein kann.

Miteinander haben wir vorhin mit Psalm 36 gebetet: „Deine Güte ist köstlich, Gott. Bei dir, Gott, finden wir Zuflucht. Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Es mag sein, dass die einen von uns dies ganz eindeutig bejahen können. Andere ahnen es vielleicht nur, haben nur eine Ahnung von Gott. Aber das ist egal. Entscheidend ist, dass wir das miteinander teilen, uns darüber austauschen. Denn davon lebt die Gemeinde, lebt auch unsere christliche Gemeinde.

Manche sagen ja: „Glauben ist Privatsache.“ Das jedoch halte ich mindestens für missverständlich. Denn Glauben kann man nicht für sich. Dass ich zum Glauben komme, habe ich nicht selbst gemacht. Es liegt an anderen, die mich dazu eingeladen haben. Es liegt an meinen Eltern, die mit mir gebetet und mir von Gott erzählt haben. An meinem Religionslehrer, am Konfirmandenunterricht, an Gottesdiensten, an Gesprächen mit anderen Christen. Immer wieder ist in all diesen Begegnungen vom Glauben die Rede gewesen, wie eine Einladung. Und Glaube wächst, wo er durch andere angeregt wird. Ja, meinen Glauben habe ich durch andere, die Gott in ganz verschiedenen Formen ins Gespräch gebracht haben. Glaube ist deswegen keine Privatsache, weil jeder Glaube durch eine Einladung beginnt.

Glaube steht also in einer Abfolge von Glaubenden. Von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation haben Leute über 2000 Jahre zum Glauben eingeladen. Und die Kette des Weitererzählens sollte nicht bei uns abreißen. Glaube ist darum kein Privatbesitz. Wir sind mit verantwortlich dafür, dass auch die Menschen neben und nach uns die Chance haben, mit Gott zu leben.

Was hindert uns so oft daran? Was macht uns oft so zurückhaltend oder sogar stumm? Ich vermute, dass wir uns selber nicht sicher genug sind. Dass wir uns unsicherer, suchender und fragenden fühlen als die anderen. Aber dann ist es wohl unsere Aufgabe, genau davon zu sprechen. Von meinen Fragen, von meiner Unsicherheit. Und wenn ich richtig vermute, dass es anderen auch so geht, dann rede ich genau von dem, was für sie wichtig ist. Warum erlebe ich Gott nicht mehr so selbstverständlich gegenwärtig wie die Christen in Korinth, wie in den ersten christlichen Gemeinden? Und wie kann ich trotz dieser Ungewissheit glauben? Einladung zum Glauben durch Fragen, christliche Gemeinde als Gemeinschaft der Suchenden, eine Solidarität zwischen den Unsicheren- so stelle ich mir heute prophetische Rede vor. „Wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde“, so schreibt Paulus. Also: Wer etwas Begeisterndes mit Gott erlebt hat, der bringe es so ein, dass es für die noch Suchenden hilfreich ist. Entscheidend ist nicht, wie beeindruckend der Glaube ist, sondern wie sehr es nutzt. Zur Erbauung, zur Ermahnung, zur Tröstung. Da setzt Paulus einen eindeutigen Maßstab.

Erinnern wir uns zum Schluss noch einmal an die Szene aus der Grundschule. Erste und zweite Klasse gemeinsam im Klassenzimmer. Die Zweitklässler bringen den Stoff den Erstklässlern bei. Selbst die Zweitklässler mit ihren sieben Jahren können und wissen schon etwas, das anderen hilft. Vielleicht können sie sogar besonders gut helfen, weil sie dicht an den Erstklässlern dran sind und deren Probleme gut kennen.

So ist es auch mit unserem Glauben. Er mag klein sein, aber vielleicht ist gerade dieser kleine Glaube das, was gebraucht wird. Auch die Erstklässler sind wichtig. Sie zeigen den Zweitklässlern, wie normal es ist, unsicher und fragend zu sein. Sie fragen nach und ermöglichen den Älteren, selber auch noch mal zu fragen. Und beide gewinnen und wachsen dabei.

Üben wir uns also alle darin. Gehen wir aufeinander zu, laden wir zum Fragen ein, erzählen wir einander von den kleinen Puzzleteilen, in denen wir Gott in unserem Leben ahnen. Suchen wir, und finden wir dabei mehr von Gott, als wir vermutet haben. Amen.