Predigt 05.07.2020

Predigt im Gottesdienst am 5.7.2020, 4. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrer WolfgangSchlecht

Predigttext: Römer 12,17-21

 

Rache ist süß! Liebe Gemeinde, wir alle kennen diesen Ausspruch. Und wir alle wissen: Rache ist ein starkes Gefühl. Vergeltung üben an dem, der mich, vermeintlich oder tatsächlich, demütigt- das scheint zum Menschsein zu gehören. Von Urzeit an.

Kain hasst seinen Bruder Abel, weil er sich ungerecht behandelt fühlt. So wird auf den ersten Seiten der Bibel erzählt. Dann ermordet Kain seinen Bruder Abel. Racheakte versprechen offenbar einen Weg heraus aus Hilflosigkeit und Ohnmacht. Kein Opfer mehr sein. Einen Ausgleich schaffen. Wie du mir, so ich dir. Ja, es kann wohl geradezu eine Lust sein, den anderen büßen zu lassen für das, was er mir angetan hat. Rache ist süß!

Seit alters her suchen Menschen, die zusammenleben aber auch, die Macht der Rache zu begrenzen. Auch davon erzählt die Bibel.

Kain, der Mörder, wird von Gott geschützt. Er soll kein Freiwild sein, den jeder umbringen darf. Später heißt es dann im Alten Testament: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Maßvoll darf Vergeltung geübt werden. Mehr nicht. Und schon im Alten Testament gibt es das Gebot, dem Feind zu essen zu geben. Ihm das Nötige nicht vorzuenthalten. Von Jesus wird das in seiner Bergpredigt noch zugespitzt durch die Aufforderung, auch die Feinde zu lieben.

Doch seien wir ehrlich: Auch wenn wir dem zustimmen sollten- die Rachegelüste, sie bleiben. Sie lassen sich nicht immer einfach beiseiteschieben. Sie suchen sich ihren Weg.

Heutzutage oft auf ganz einfache, aber hinterhältige Art und Weise. Indem man ein zweideutiges Bild oder eine unwahre Behauptung ins Internet stellt, die dem anderen schadet. Das dann gleich tausendfach verbreitet wird und gegen das der andere sich nicht wehren kann. Rache ist süß!

Und da hören wir nun in unserem Predigttext für heute, wie der Apostel Paulus in seinem Römerbrief sagt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem! Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ Das hört sich so leicht an. Das Muster von Schlag und Gegenschlag aktiv unterbrechen. Eine positive Haltung einnehmen, auf Gutes bedacht sein.

Das heißt: Wer Opfer geworden ist, soll nicht Opfer bleiben, sondern zum Täter werden. Allerdings- so mahnt Paulus- zum guten Täter. Er soll die zerstörerische Energie, die in ihm aufkommt, nicht unterdrücken, sondern soll sie umwandeln. Umwandeln in eine Kraft, die Gutes schafft.

Aber, so frage ich Paulus: Wie kann das gehen?

Liebe Gemeinde, froh bin ich über die Nüchternheit des Apostels. Denn er fährt fort: „Ist´s möglich, soviel es an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden.“ Ist´s möglich, so sagt Paulus.  Nein, es ist nicht immer möglich. Manchmal versuchen wir es ja. Tun alles, was in unserer Macht steht, um mit anderen in Frieden zu leben. Aber es gelingt nicht.

Und manchmal müssen wir auch erkennen: Der andere, die andere, ist nicht bereit dazu. Wir müssen erkennen: Es gibt Konflikte, die lassen sich nicht lösen. Und dann müssen wir auch akzeptieren lernen, dass Beziehungen zu anderen Menschen einfach auseinanderbrechen und auseinandergehen. Dass nur Abstandhalten hilft.

Wichtig ist, dass Paulus mir sagt: „Du bist nur für dein Handeln verantwortlich. Für dich gilt: Schlage nicht zurück. Sage nicht: Wie du mir, so ich dir. Sondern handle so, wie es recht ist: Vergelte nicht Böses mit Bösem. Sei auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Alles andere hast du nicht in der Hand.“

Und noch etwas ist wichtig. Ein weiterer Ratschlag des Paulus. Er schreibt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ Und dann zitiert Paulus einen Vers aus dem Alten Testament, aus dem 5. Buch Mose: „Die Rache ist mein. Ich will vergelten, spricht der Herr.“

Ein großes Wort, ein schwieriges Wort, das da in der Bibel steht. Aber es ist auch ein sehr entlastendes Wort. Ein uns entlastendes, freimachendes Wort. „Sein ist die Rache.“ Und: „Gebt Raum dem Zorn Gottes.“ Es kann enorm entlastend sein, daran zu glauben, dass Gott selbst für Gerechtigkeit sorgen wird. Dass er die Vergeltung übernimmt. Allerdings- das gebe ich zu- allerdings können trotzdem Zweifel bleiben: Was, wenn er es nicht tut? Wenn die Vergeltung- das Heimzahlen- wie wir es oft nennen, ausbleibt? Andere nicht zur Rechenschaft gezogen werden- zumindest nicht in dieser Welt?

Jedenfalls- und das betont Paulus in unserem Predigttext für heute ausdrücklich- jedenfalls soll für uns gelten: „Lass dich vom Guten leiten- egal was die anderen tun. Lass dich vom Guten leiten- auch ohne die Sicherheit, dass Gott eingreift.“ Das braucht innere Kraft, ja große innere Reife. Aufhören, Opfer zu sein. Aber auch nicht diejenigen zu sein, die Unverschämtheiten und Demütigungen ergeben ertragen und alles hinunterschlucken. Wir sollen und dürfen für uns und für unsere Sache eintreten. Aber eben nicht, indem wir im selben Muster bleiben wie unsere Bedränger. Nicht, indem wir den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt anfeuern. Sondern uns losreißen und eine andere, neue Ebene einnehmen. Phantasievoll sein, etwas tun, womit der andere ganz und gar nicht gerechnet hat. Vielleicht wird er sich ändern. Im besten Fall wird aus einem Feind ein Freund. Eine Erfolgsgarantie gibt es allerdings nicht.

In unserem Bibelabschnitt für heute erzählt Paulus von einem seltsamen Brauch. Er schreibt davon, dass Menschen „feurige Kohlen auf ihr Haupt gesammelt haben.“ 

Das, so habe ich gelesen, war ein alter Brauch, der von Ägypten herkommt. Wer sich schämte für etwas, was er getan hatte, der lief mit einem Becken voll glühender Kohlen auf dem Kopf durch die Straßen. Wie lange, wissen wir nicht. Auf alle Fälle kann man es nicht lange aushalten.

Dass Scham etwas mit Feuer zu tun hat- das wissen wir allerdings immer noch. Scham treibt auch die Röte ins Gesicht, es wird ganz heiß. Man spürt, dass nicht recht war, was man getan hat, dass man Schaden angerichtet hat.

Wenn Paulus nun schreibt: „Wenn du deinem Feind zu essen gibst- dann wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“, dann meint Paulus folgendes: „Dann wird dein Feind womöglich erschrecken und schamrot werden. Sich vielleicht verändern, wenn ihm überraschend Freundlichkeit, Wertschätzung oder Hilfe zu Teil wird. Von einer Seite, von der er es womöglich am wenigsten erwartet hat.“

Aber, wie gesagt, eine Erfolgsgarantie gibt es dafür nicht. Die hat Paulus nicht parat, die hat Jesus nicht parat. Und doch gibt es nach der Heiligen Schrift keinen besseren Weg als diesen, wieder und wieder, soviel an uns liegt, das Böse durch Gutes zu überwinden. Wir müssen nicht jeden Menschen lieben und ihm um den Hals fallen. Aber wir sollen schlicht das Nötige für ihn tun, das, was in unserer Macht steht. Mehr wird nicht von uns verlangt. Amen.