Predigt vom 21.07.2019

Predigt im Gottesdienst mit Taufe am Sonntag, 21.7.19 in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Matthäusevangelium in den Kapiteln 9 und 10. Es wird davon berichtet, wie Jesus seine Jünger auffordert, ihm nachzufolgen und mitzuarbeiten am Reich Gottes.

(Lesung Predigttext Matthäus 9,35-10,7)

Liebe Gemeinde, die ersten Sätze unseres Bibelabschnitts könnten problemlos eine kleine Zeitreise machen- in unser Jahrhundert hinein. Und das klänge dann so:

„Als Jesus das Volk des 21. Jahrhunderts sah, jammerte es ihn; denn sie waren müde, manchmal ziemlich ratlos und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“

Ja, so könnte es auch heutzutage heißen. Und so wollen wir jetzt fragen, was dieser Predigttext für uns heute, im 21. Jahrhundert, sagen kann. Wozu wir heute von Jesus Christus aufgefordert werden.

Wenn ich es recht sehe, wird in dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium ein Modell aufgezeigt, wie wir als Christen in der Nachfolge Jesu handeln sollen. Es ist ein sehr dynamisches Modell, das uns womöglich mehr Fragen als Antworten einbringen wird. Aber wir werden sehen.

Gehen wir zunächst mal an den Verben, an den Tu-Wörtern entlang, die in dem Bibelabschnitt der Reihe nach

vorkommen: umhergehen- lehren- predigen- heilen- sehen- sich berühren lassen- beten- bevollmächtigen- senden.

Diese Verben beschreiben das Tun Jesu. Und wenn wir in der Bibel nachlesen, fällt mir auf: Jesus bleibt nicht in der Distanz. Er geht vielmehr auf die Menschen zu. Er sucht sie, wo sie leben. Jesus unterwegs, umherziehend. Er hat keine feste Bleibe, keinen „Amtssitz“, an dem Besucher ihn sprechen können.

Und da stellt sich gleich zu Beginn für mich eine Frage: Sind wir denn als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu hingehende, die Menschen suchende und besuchende Leute? Oder erwarten wir, dass man uns besucht? In unseren Räumlichkeiten? Dem Pfarrhaus, der Kirche, dem Gemeindehaus?

Dann die Verben lehren, predigen, heilen. Ich merke, dass Jesus die Menschen ganzheitlich sieht. Jesus hat den ganzen Menschen im Blick. Das Wohl der Seele, das Wohl des Leibes.

Dann das Verb „sehen“. Damit fängt eigentlich alles an. Jesus sieht seine Mitmenschen. Er sieht nicht weg. Er schaut nicht flüchtig drüber, er taxiert nicht aus sicherer Entfernung. Er sieht hin. Für ihn geht niemand in der großen Masse unter. Er nimmt den einzelnen Menschen wahr. Jesus sieht welche, die sich abrackern und sich fragen, wie lange ihre Kraft wohl noch reicht. Menschen, die sich aufreiben in Konflikten. Solche, die orientierungslos durchs Leben treiben. Jesus sieht- und was seine Augen da sehen, ergreift ihn. Jesus lässt sich von der Not der Menschen berühren. Es geht ihm richtig nah. Und seine Diagnose geht tief, sie kratzt nicht an der Oberfläche. Die Not der Menschen besteht in ihrer Hirtenlosigkeit. Da ist niemand, der leitet und führt, niemand, dem die Leute vertrauen können. Niemand, bei dem sie sich geborgen fühlen können.

Jesu Kommentar dazu finde ich dann allerdings verblüffend. Er sagt: „Die Ernte ist groß!“ Ich hätte jetzt eher erwartet: „Die Not ist groß.“ Oder: „Die Ratlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit ist groß.“ Oder was auch immer. Nein, Jesus sagt: „Die Ernte ist groß!“ So redet etwa ein Landwirt, der sich freut, dass er in der Erntezeit alle Hände voll zu tun hat. Und so ist es auch bei Jesus: Anstatt in den Chor allgemeiner Hilflosigkeit einzustimmen, wendet er die Situation ins Positive. Es ist Erntezeit, sagt er. Und da gibt es viel zu tun.

Aber halt- da wartet wieder eine Überraschung auf uns. Jesus sagt nun nicht: „Und jetzt die Ärmel hochkrempeln.“ Auch nicht: „Packen wir´s an.“ Sondern: „Falten wir die Hände.“ So lautet seine überraschende Handlungsanweisung. „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Wir sollen also merken: Der Job „Herr der Ernte“ ist bereits vergeben. Diese Aufgabe hat sich Gott vorbehalten. Was er braucht, sind Erntehelfer. Erntehelfer, die sich von ihm ihren Platz zuweisen lassen. Die sich von ihm vielleicht diesen einen Menschen zeigen lassen oder diese eine Aufgabe, die gerade für sie dran ist. Alles andere können sie getrost bleiben lassen. Oder besser gesagt: Alles andere können sie getrost Gott überlassen. In dem Vertrauen, dass er sich kümmert.

Jesus hat damals seine zwölf Jünger angesprochen: Ihr seid die Erntehelfer. Und ich gebe euch Anteil an der Vollmacht, die ich von meinem Vater im Himmel bekommen habe. Ihr sollt unter die Leute gehen, sollt das Evangelium predigen, heilen und helfen.

Vielleicht haben sie sich gewundert, warum im Predigttext die Jünger einzeln mit Namen aufgeführt werden. Ist das nicht überflüssig? Ich meine: Jeder einzelne Name steht für eine Geschichte, für eine ganz besondere Lebensgeschichte. Da ist Simon Petrus- einer, der immer vorne dran sein will, und dann doch kläglich versagt. Da ist Matthäus, der Zöllner, der eine unrühmliche Vergangenheit hat. Da ist Thomas, der große Zweifler. Und Judas, der schließlich zum Verräter wurde.

Jesus kennt sie alle, auch mit ihren weniger schönen Eigenschaften- und schickt sie doch nicht weg. Im Gegenteil: Er braucht sie sogar dringend als seine Helfer. Weil die Ernte so groß ist. Weil es noch viel zu tun gibt.

Liebe Gemeinde, manchmal hört man ja: „Ach, die Jünger Jesu. Das waren doch ganz besondere Menschen. Die haben mehr geglaubt als ich. Deshalb wurden sie von Jesus geliebt, konnten viele wunderbare Dinge vollbringen.“

Ich will die Jünger Jesu heute mit Absicht ein wenig entzaubern. Denn ich sehe uns als heutige Gemeinde in der Nachfolge dieser ersten Jünger. Bei uns, ja in allen Gemeinden ist es so. Da sammeln sich auch lauter unterschiedliche Menschen. Müde und kaum zu Bremsende, Hitzköpfe und ganz Ruhige, Glaubensstarke und Zweifelnde. Alle sind beisammen. Alle gehören zur Gemeinde. Uns, jede und jeden einzelnen, kennt Jesus mit Namen, so wie er seine Jünger- und natürlich auch die Jüngerinnen, die um ihn waren- gekannt hat. Niemanden schickt Jesus weg. Denn die Ernte ist immer noch groß. Immer noch braucht Jesus Leute, die sich als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger engagieren, zum Wohle ihrer Mitmenschen, die mithelfen am Bau des Reiches Gottes.

Irritieren mag uns noch das Gebot, das Jesus damals seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben hat. Sie sollen nur in bestimmte Gegenden gehen. Auf keinen Fall den Weg zu den Heiden, auch in keine Stadt der Samariter.

Ganz am Ende, vor seiner Himmelfahrt, klingt das Gebot Jesu allerdings ganz anders. Wir haben es vorhin bei der Taufe gehört. Da hörten wir folgende Worte Jesu, die er zu seinen Jüngern gesagt hat und die am Ende des Matthäusevangeliums stehen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Warum ist das so? Warum will Jesus bei seiner ersten Aussendung der Jünger nicht, dass sie zu den Heiden und den Samaritern gehen? Ich glaube, dass dies aus einer berechtigten Sorge heraus geschieht. Jesus weiß offensichtlich, dass wir Menschen, auch wenn wir als seine Erntehelfer unterwegs sind, uns viel zu viel zumuten. Dass wir immer gleich viel zu große Entwürfe machen, alles auf einmal tun, gleich die ganze Welt retten wollen- und dabei das Naheliegendste vergessen. Nämlich das, was genau vor unserer Haustüre liegt. Die Nähe des Gottesreiches, die lässt sich nicht in der Ferne finden. Nein, die zeigt sich oft im Kleinen- eben vor unserer Haustüre. Dort werden wir als Erntehelfer von Jesus hingeschickt, um zu ernten. Und Ernten im Geiste Jesu heißt: Umhergehen- hinausgehen- lehren- predigen- heilen- sehen- sich anrühren, sich berühren lassen- beten- und sich senden lassen. In unserer Unterschiedlichkeit, Schwachheit und auch in unserem Versagen sind wir die Gemeinde Jesu. Denn Jesus sendet keine Elitetruppe, sondern unvollkommene Menschen. Um in all unserer Begrenztheit das zu tun, was nötig ist. Amen.