Predigt vom 24.11.2019

Predigt im Gottesdienst am Toten- und Ewigkeitssonntag, 24.11.19 in der Cyriakuskirche Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

Predigttext: Matthäus 25,1-13

Liebe Gemeinde, mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden waren wir vor einigen Wochen auf dem Alten Friedhof hier in Illingen. Manche kennen diesen womöglich gar nicht. Weil er an der Mühlackerstraße etwas versteckt liegt. Wenn man durch das Tor hindurchgeht, entdeckt man viele alte Gräber. Und es ist lohnend, sich einmal Zeit zu nehmen und alles anzuschauen.

Wenn man sich dann wieder aufmacht und durch das Tor hinausgehen will, sieht man auf der linken Seite ein Bibelwort, das dort an die Wand geschrieben ist. Und dieses Bibelwort aus Psalm 90 lautet so: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden zusammen haben wir uns dann überlegt, was uns dieses Psalmwort sagen will.

Was ist das für eine Klugheit, die aus dem Wissen kommt, dass wir alle einmal sterben müssen? Nun, klug sind wohl die Menschen, die angesichts der Gewissheit, dass sie einmal sterben müssen, bescheidener werden. Vielleicht auch dankbarer. Dankbarer für all das Schöne, das wir in unserem- in jedem Fall- kurzen Leben erfahren. Bietet uns das Leben doch so viel Schönes- wir müssen es nur wahrnehmen.

Wenn wir unsere Vergänglichkeit annehmen, dann wird es uns womöglich auch leichter, mit uns selbst Frieden zu schließen. Zu unseren Stärken und zu unseren Schwächen zu stehen. Vielleicht macht es uns auch nachsichtiger- gegenüber uns selbst und gegenüber anderen.

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Liebe Gemeinde, klug in diesem Sinne, wie eben beschrieben, kann auch eine alte Bäuerin sein- aber keineswegs jeder brillante Professor. Der Beter in Psalm 90 redet auch nicht vom Klug sein, sondern vom Klugwerden. Mit einer gewissen Intelligenz kann man geboren werden. Klugheit, so höre ich das aus dem Bibelwort heraus, Klugheit will erworben sein. Will erlernt und erarbeitet werden. Im Laufe eines Lebens.

Liebe Gemeinde, zum Thema Klug sein und Klug werden finden wir in der Bibel noch einiges mehr. Etwa in dem Bibelwort, das uns für den heutigen Toten- und Ewigkeitssonntag als Predigttext vorgegeben ist. Es ist ein Gleichnis, das Jesus einmal erzählt hat und das in der Lutherbibel so überschrieben ist: Von den klugen und den törichten Jungfrauen. Ich lese aus Matthäus 25 die Verse

1-13. Jesus sagt:   (Predigttext)

Liebe Gemeinde, das also ist das Gleichnis von den klugen und den törichten- in anderen Übersetzungen heißt es „den gleichgültigen“ jungen Mädchen oder Brautjungfern. Diese zehn jungen Frauen sind zu einer Hochzeit eingeladen. Sie warten in dem Haus der Braut auf den Bräutigam. Wenn er kommt, wollen sie ihm mit ihren Lampen entgegen gehen und ihn festlich in das Hochzeitshaus geleiten.

Fünf von ihnen haben noch eine Ölreserve für die Lampen bei sich, für den Fall, dass der Bräutigam sich verspätet. Und das tut er sich dann auch. Über das Warten sind alle zehn Mädchen eingeschlafen.

Geweckt werden alle zehn, als der Bräutigam sich ankündigt. Erst jetzt fällt es den Leichtsinnigen ein, die anderen um etwas Öl zu bitten. Sie bekommen allerdings zur Antwort: „Nein, sonst reicht es für beide nicht.“ Also gehen die Klugen mit dem Bräutigam zur Hochzeit, die Törichten werden, als sie mit ihrem Öl und mit deutlicher Verspätung vom Kaufmann kommen, abgewiesen. Die Tür zum Saal, in dem Hochzeit gefeiert wird, bleibt zu. Ja, vom Bräutigam selbst werden sie mit harten Worten abgewiesen: „Ich kenne euch nicht!“

Liebe Gemeinde, was sollen wir mit diesem Gleichnis Jesu anfangen? Was will es uns sagen? Wir kommen dem auf die Spur, wenn wir erst einmal noch genauer hinschauen auf das, was Jesus gesagt hat. Jesus beginnt mit dem kleinen Wörtchen „Dann“. Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

Jesus redet also davon, wie es sein wird, wenn Gott sein ewiges Reich aufrichten wird. Sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Jesus fasst Gottes Reich, das kommen wird und zu dem wir alle eingeladen sind, in das Bild einer Hochzeitsfeier- und mir gefällt das sehr gut. Das Reich Gottes, etwas Festliches, Helles, Frohes. Wo es keine Schmerzen und kein Leid und keinen Tod mehr gibt. Und wer der Bräutigam ist, daran dürften diejenigen, die das Gleichnis zum ersten Mal gehört haben, nicht gezweifelt haben: Es ist Jesus selbst. Er ruft seine Gemeinde auf, wachsam zu bleiben, auf ihn zu warten, um das Fest, zu dem alle eingeladen sind, nicht zu versäumen.

Bevor wir gleich zu uns heute kommen und zu der Relevanz, die Jesu Worte für uns haben, noch kurz ein Blick auf die dramatische Situation, in der die ersten christlichen Gemeinden standen. Zu der Zeit, in der Matthäus sein Evangelium geschrieben und auch das Gleichnis Jesu von den klugen und den törichten Jungfrauen aufgeschrieben hat. Es ist in den Jahren 70 nach Christus. Der Tempel in Jerusalem ist bereits von den Römern zerstört worden. Und die Ruinen des Tempels waren für Matthäus auch Vorboten einer schlimmen Zeit- vor allen Dingen für die Christen. Das ganze 24. Kapitel seines Evangeliums hat nur zwei Themen: Die Bedrängnis und die Not der Christen, die gehasst, verfolgt und getötet werden. Und die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Verfolgung und der großen Leiden. Die Hoffnung auf ein baldiges Kommen Jesu und der Anbruch des Reiches Gottes.

Ich glaube, wir können uns heutzutage gar nicht mehr vorstellen, was das Gleichnis, das heute unser Predigttext ist, für diese Christen damals bedeutet hat. Es ging in dem Bibelwort um ihre letzte Hoffnung. Dass Jesus, der Bräutigam, wirklich bald kommt und sie rettet. Als verfolgte und sehnsüchtig wartende Christen, wollten sie wirklich auf alles vorbereitet sein, klug sein. Und wer unter denen, die Jesus nachfolgen wollten, das nicht begreifen wollte, der musste naiv, leichtsinnig, unzuverlässig, ja dumm und töricht sein. So wie die fünf törichten Jungfrauen. Sollte Jesus, der Bräutigam, nicht recht haben, wenn er solche letztlich abweist, nicht zum Fest hereinlässt?

Liebe Gemeinde, wir stehen heute als Christen- Gott sei Dank- nicht in einer solch schwierigen Situation. Und für uns scheint diese Hoffnung, dass Jesus Christus bald wiederkommt, weit weg. Aber eines- das Klug sein bzw. das Töricht sein- das ist brandaktuell und geht uns alle an.

Ich komme noch einmal auf den Anfang meiner Predigt zurück. Da war nicht vom Klug sein, sondern vom Klugwerden die Rede. Dietrich Bonhoeffer, der bekannte Theologe, der auch den Text zu einem Lied geschrieben hat, das wir nachher singen wollen, hat in einem Brief an der Jahreswende 1942/43 geschrieben, dass wir alle nicht töricht oder gleichgültig oder sogar dumm sind, sondern es werden. Dazu gemacht werden, indem wir uns alle möglichen Dinge vorgaukeln lassen. Nicht mehr selbstkritisch sind, mit uns selbst zufrieden werden, uns nicht mehr für das interessieren, was um uns passiert.

Nicht mehr wachsam und bereit sind, so wie die fünf törichten jungen Frauen. Klüger werden wir- vielleicht jedes Jahr ein kleines bisschen mehr- wenn wir wachsamer bleiben gegenüber allem, was gleichgültig macht, was gewissenlos macht, was nicht dem Leben dient, was uns letztlich in den Abgrund ziehen will.

Zum Klugwerden- und dies zum Schluss- gehört ganz sicher auch, mehr auf Gott zu vertrauen. Auf sein heilsames Handeln zu vertrauen. Und nicht aus den Augen zu verlieren, dass Jesus der Herr ist, und sonst keiner. Dass er wirklich entgegenkommend ist. Uns entgegenkommt und uns einlädt in sein Reich. Wer wollte eine solche Einladung achtlos beiseitelegen? Amen.