Predigt 15.04.2018

Predigt im Gottesdienst mit Taufen am 15.4.18 in der Cyriakuskirche in Illingen

Pfarrer Wolfgang Schlecht

Liebe Gemeinde, heute ist also der Sonntag Misericordias Domini- zu Deutsch: Barmherzigkeit Gottes. Und an diesem Sonntag ist auch das Bild des guten Hirten bedeutungsvoll, mit dem in der Bibel immer wieder beschrieben wird, wie gut, wie barmherzig Gott ist, wie barmherzig Jesus Christus ist. Jesus hat einmal klar und deutlich gesagt: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe folgen mir.“ Und wir haben mit Psalm 23 gebetet: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ja, so ist das wohl: Jesus ist der Hirte, wir die Schafe.

Hirt und Herde. Ein Bild aus der Bibel, das sehr schillernd ist. Hirt und Herde. Ein Bild, das zum einen Widerspruch bei uns hervorrufen kann, uns auf der anderen Seite aber immer wieder anspricht.

Da ist zunächst das Bild vom Schaf. Wer will das schon gerne: geführt und geleitet werden. Einen vor sich haben, der sagt, wo es langgeht. Auf der anderen Seite, wenn wir ehrlich sind: Wäre das nicht wunderbar, ein Leben zu führen, das sich im Tiefsten geborgen weiß. In der großen Gewissheit, dass jemand ganz für mich da ist? Für mich Sorge trägt?

Das Bild vom Schaf. Widersprüchlich und doch anziehend. Genauso das Bild vom Hirten. Wer von uns wollte denn nicht gerne Hirte sein. Der Wunsch, anderen den Weg zu weisen, der Wunsch zu erfahren, dass andere Vertrauen zu uns fassen, dass unsere Worte gehört werden- dieser Wunsch und die damit verbundenen Hoffnungen gehören zum Leben dazu.

Aber es gehört dann auch diese Erfahrung dazu: Die Erfahrung des hilflosen Hirten. Die Zweifel um den richtigen Weg, der zu gehen ist. Das Gefühl, die Verantwortung für andere nicht länger tragen zu können. Die Erkenntnis des eigenen Unvermögens.

Liebe Gemeinde, immer wieder bewegt sich unser Leben zwischen diesen Polen hin und her. Zwischen Vermögen und Unvermögen. Immer wieder finden wir uns in solchen Situationen vor. Im täglichen Leben, bei der Erziehung unserer Kinder, bei der Arbeit und in der christlichen Gemeinde. Davon weiß auch der 1. Petrusbrief, aus dem uns ein Abschnitt als Predigttext für heute vorgegeben ist. Es ist ein Abschnitt, ursprünglich geschrieben an einige christliche Gemeinden in der heutigen Türkei. Ein Bibelwort, vor allem gerichtet an die, die die Gemeinde leiten. An die sogenannten Ältesten. An sie schreibt Petrus in seinem Brief folgendes. Wir hören aus 1. Petrus 5 die Verse 1-4.

Predigttext

In diesem Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief bekommen wir einen kleinen Einblick in die ersten christlichen Gemeinden. Älteste stehen ihnen vor. Erfahrene Christen, denen Führungsrollen und Leitungsaufgaben übertragen werden. Erst später kommen weitere Ämter dazu. Das Amt der Priester und der Bischöfe. In manchen Gegenden hat sich der Ausdruck Älteste- Presbyter- bis heute für die Kirchengemeinderäte erhalten.

An die, die Leitungsaufgaben in der Gemeinde wahrnehmen, richtet sich unser heutiger Predigttext. Aber er ist wohl nicht nur für sie bestimmt, sondern für alle, die in der Gemeinde mitarbeiten. Irgendeinen Dienst, eine Aufgabe in der Gemeinde wahrnehmen, ganz abgesehen von seinem Umfang, ganz abgesehen davon, ob er bezahlt wird oder ehrenamtlich geschieht. Zu allen, die eine Aufgabe in der Gemeinde wahrnehmen, sagt Petrus: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist.

Weidet die Herde. Weidet die Schafe. Liebe Gemeinde, sprichwörtlich geworden ist bei uns die Dummheit der Schafe- das dumme Schaf. Die Bibel allerdings sieht das ganz anders. Wenn in er Bibel das Bild von den Schafen gebraucht wird, dann um auszudrücken, wie kostbar sie sind und wie wertvoll. Besonders Jesus hat das in seinen Gleichnissen, in seinen Bildreden, immer wieder versucht deutlich zu machen.

Da erzählt er einmal die Geschichte vom Hirten, der 100 Schafe hat und dann feststellt, dass eines fehlt. Und mit einem Mal ist gerade dieses eine wichtig. Statt Verachtung und Desinteresse für das Verlorene beginnt nun ein Suchen und Nachforschen, wo denn das verschwundene Schaf geblieben ist. Es geht dem Hirten im Gleichnis Jesu nicht so sehr um die Menge der 99 Schafe- die sind natürlich auch wichtig. Nein, es geht ihm gerade um das eine, um die Freude über jedes verlorene Tier, das gesucht und gefunden wird, weil es wertvoll und wichtig ist. Das Zusammenführen ist wichtig für den Hirten. Ja, das Zusammenführen gehört zu den großen Herausforderungen aller in der Kirche und in der christlichen Gemeinde. Kirche muss immer wieder Gelegenheiten schaffen, dass Menschen sich begegnen, friedlich miteinander auskommen können. Kirche, so habe ich kürzlich gelesen, muss eine Kontrastgesellschaft bieten zu einer Welt, in der es unbarmherzig zugeht und friedlos.

Das Zusammenführen ist wichtig. Für alle in der Gemeinde, gerade aber auch für die, die besondere Verantwortung tragen. Die wie Hirten für die Herde Sorge tragen. Darum wird im 1. Petrusbrief betont: Weidet die Herde Gottes, die euch anvertraut ist. Achtet auf sie. Allerdings: Nicht als die Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

Ja, Vorbilder sind in der Gemeinschaft der Christen gefragt. Damals und gerade auch heutzutage. Möglichst vollkommene Vorbilder. Und wir alle haben große Erwartungen an Vorbilder. Erst recht an solche, die in der Kirche mitgestalten. Es ist eine wunderbare Sache, Vorbild zu sein. Aber es sind auch Enttäuschungen damit verbunden. Petrus selbst, von dem der Bibelabschnitt für heute stammt, ist das beste Beispiel dafür. Petrus ist der, der alles verlässt und Jesus nachfolgt. Petrus ist der, der zu Jesus sagt: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und ich folge dir, egal wo du hingehst. Ich gehe sogar mit dir in den Tod.  Petrus ist aber auch der, der versagt, der Jesus verleugnet und dreimal sagt: Ich kenne diesen Menschen nicht.

Nach Jesu Auferstehung steht Petrus, der Vorbildliche mit den vielen erlittenen Niederlagen, wieder vor seinem Herrn. Jesus fragt Petrus drei Mal: Hast du mich lieb? Und Petrus antwortet: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Da gibt Jesus Petrus einen Auftrag: Weide meine Schafe. Jesus nimmt Petrus wieder in seinen Dienst, trotz seiner Schuld, trotz aller Schwachheit, die das Vorbild Petrus gezeigt hat.

Petrus war ein Vorbild, ganz gewiss. Wir sind Vorbilder. Nicht, weil wir makellos wären oder besonders stark und mutig. Herren über die Gemeinde, wie unser Predigttext sagt. Nein, wir sind als Christen Vorbilder, weil wir wie Petrus von Jesus geprägte Leute sind. Geprägt durch seine Liebe, die niemand fallen lässt, trotz Schuld und Versagen. Geprägt durch seine Liebe, die auch schwache Menschen gebrauchen will zum Dienst in seiner Gemeinde, zum Leben in seiner Nachfolge, jede und jeder an ihrem, an seinem Platz.

Vorbilder sind wir nicht als die Herren, als die Makellosen und Starken, sondern als die Versager, die Gnade erfahren haben. Als die, die mit ihren Fehlern und Schwächen umgehen können. Als die, die nun ihrerseits Schwächere nicht einfach fallenlassen, sondern gnädig mit ihnen umgehen können.

Im Wissen, dass wir Hirten sind, Christus aber der wahre Hirte. Der Erzhirte, wie er im Predigttext genannt wird. Der wahre Erzbischof. Dieser ständige Rückbezug auf Jesus Christus, den einzig guten Hirten, wirkt für unseren Dienst, liebe Gemeinde, entlastend. Egal wo wir einen Dienst verrichten. Als Eltern, als Lehrende, als Vorgesetzte oder eben in der Kirchengemeinde. Dieser ständige Rückbezug auf Jesus Christus schützt unseren Hirtendienst, den wir verrichten, vor mancherlei Gefahren. Er schützt uns vor unseren Allmachtsphantasien, immer alles machen zu müssen, immer für alles zuständig zu sein. Er schützt uns vor dem Ideal, ein Ober- und Überhirte sein zu müssen. Vor einem Ideal, an dem wir letztlich zerbrechen müssen. Er befreit uns dazu, nicht für alles, sondern nur für einen Teil verantwortlich zu sein. Er befreit uns dazu, sich selbst Grenzen zu setzen und sie auch zu akzeptieren.

Misericordias Domini- die Barmherzigkeit des Herrn- so lautet der Name dieses Sonntags. Und er weist uns damit auf etwas ganz Entscheidendes hin: Es geht um das Hirte sein. Um unser Hirte sein, vor allen Dingen aber um das Hirte sein Gottes. Der heutige Sonntag ist heilsame Erinnerung daran, dass unser Leben, dass unsere Hoffnung, dass unsere Arbeit sich mit diesem Bild verbinden und darin gründen kann: Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Gutes und seine Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang. Jeden Tag neu. Amen.